16. Oktober 2019, 08:00 Uhr

Maroder Kindergarten

Kurz vorm Kita-Chaos: Was wird aus der Wintersteinstraße?

Die Kita Winterstein ist marode, ein Ersatzbau noch nicht in Sicht. Die Evangelische Kirchengemeinde appelliert an die Friedberger Kommunalpolitiker, schnellstmöglich eine Entscheidung zu treffen.
16. Oktober 2019, 08:00 Uhr
Kita-Sorgen (v. l.): Dekan Volkhard Guth, Kita-Leiterin Elke Holzem und Pfarrerin Claudia Ginkel. (Foto: Wagner)

Die dreieinhalb Seiten sind ein Brandbrief: Im Sommer 2020 schließt die marode Kita in der Wintersteinstraße in Friedberg, doch es gibt noch keinen Ersatz. Die Kirche wartet monatelang auf Gesprächstermine im Rathaus, während die Eltern rätseln, in welche Einrichtung sie ihre Kinder geben sollen. Die evangelische Kirchengemeinde appelliert nun an die Stadtverordneten, unverzüglich zu klären, wie es weitergeht.

Drei Elternvertreter besuchten die jüngste Sitzung des Ausschusses für Stadtentwicklung. Der Kita-Neubau auf dem Feld am Ende der Taunusstraße wurde diskutiert. Nach der Sitzung hätten die Eltern um ein Gespräch mit dem ehrenamtlichen Stadtrat und Kita-Dezernenten Markus Fenske (Grüne) gebeten. Das ist über drei Wochen her. »Es hat sich noch keiner aus dem Rathaus gemeldet«, sagt der evangelische Dekan Volkhard Guth. Deshalb haben Kirchenvorstand und Dekanat nun einen Brandbrief an die Stadtverordneten geschickt.

Seit fünf Jahren ist bekannt, dass das Wellenhaus in der Wintersteinstraße, das neben Wohnungen und Gemeindesaal eine viergruppige Kita beherbergt, marode ist und ein Ersatz her muss. Zwei Gutachten bestätigten das. Doch im Rathaus, so der Eindruck bei der Kirche, nimmt man sich Zeit. So bat die Kirchengemeinde am 2. Juni 2015 schriftlich um ein »dringendes« Gespräch. Am 27. Juli wiederholte die Kirche ihre Bitte in einem Brief. Zu dem Gespräch kam es dann am 19. November des immerhin gleichen Jahres, also fünfeinhalb Monate später.

Zwei Gutachten zur Bausubstanz

Das zweite Gutachten lag erst im April 2018 vor. Ergebnis: Das künstlerisch anspruchvolle Gebäude weist »eine Fülle von konstruktiven Schwächen« auf, die Wärmedämmung ist ungenügend, es gibt Feuchtigkeitsschäden. »Die Schwächen der Konstruktion stammen bereits aus der Planungs- und Ausführungsphase«, heißt es.

Ein Abriss sei schon in den 1980er Jahren diskutiert worden, sagt Dekan Guth. Die Kirche habe unverhältnismäßig hohe Summen in das Gebäude gesteckt, das »als großartiger Entwurf galt«, in der Bauausführung aber von Anfang an mangelhaft gewesen sei. Der Gutachter bezifferte die Sanierungskosten auf rund 1,75 Millionen Euro, wovon 953 000 Euro auf die Kita entfallen würden. Angesichts dieser Summe sei die Kirche nicht willens, weiterhin Geld »für ein derart schlechtes Gebäude aufzuwenden«.

Ende Mai 2017 informierte die Kirchengemeinde Eltern und Öffentlichkeit über den maroden Zustand. Nach dem zweiten Gutachten stand fest: Der Betriebsvertrag mit der Stadt wird zum 31. Juli 2020 gekündigt. Doch wie geht es weiter? »Das wissen wir nicht«, sagen Dekan Guth, Pfarrerin Claudia Ginkel und die kommissarische Kita-Leiterin Elke Holzem.

Der Denkmalschutz schweigt

Die Kirchengemeinde schlug einen Ersatzneubau auf dem eigenen Grundstück vor, hinter dem Wellenhaus. Am 5. Oktober 2018 stellte das Amt für Stadtentwicklung eine Bauvoranfrage an den Wetteraukreis, die dort aber erst vier Monate später vollständig vorlag. Wiederum zwei Monate später folgte die Ablehnung des Bauvorhabens. Begründung: der Denkmalschutz des Wellenhauses.

Dieser Denkmalschutz ist, wie Ginkel betont, fraglich. Keiner könne sagen, wann das Gebäude zum Denkmal erklärt wurde. Es gebe keine Urkunde. »Nur wenn wir es verkaufen wollen, kommt das zum Tragen.« Auch in der Friedberger Politik herrscht allgemeines Unverständnis über die Rolle des Denkmalschutzes. Anfragen würden vom Denkmalamt nicht beantwortet, sagt Ginkel.

Und warum, fragt Guth, »hat die Politik nicht nachgehakt und sich gegen diese Bewertung des Denkmalschutzes ausgesprochen?« Es habe keinerlei Reaktion seitens der Politik gegeben. Die Wintersteinstraße werde zur »Bauruine, und das ist eine Katastrophe für die Stadtentwicklung.«

Kritik an Kita-Dezernent Fenske

Kritik üben die Kirchenvertreter auch an Kita-Dezernent Fenske. »Dass ein solch wichtiges Ressort ehrenamtlich geleitet wird, stößt bei uns auf ein hohes Maß an Unverständnis.« In mehreren Sachfragen gebe es Streit über die Lesart von Verträgen oder über den Weiterbetrieb der Kita durch die Kirche. »Wir brauchen jetzt ein verlässliches Wort von der Politik, ob die Kirche die Kita weiterbetreiben soll«, sagt Guth. Die Eltern müssten Sicherheit haben, dass ihre Kinder betreut werden, die Mitarbeiter wolle man auch weiterbeschäftigen. Die Zeit drängt.

Dem Magistrat liegt nach WZ-Informationen ein »Sachstandsbericht« von Kita-Dezernent Fenske vor, datiert auf den 27. September. Der Brief der Kirchengemeinde, der drei Tage später verschickt wurde, wird in dem Schreiben nicht erwähnt. Stattdessen heißt es, für weitere Entscheidungen sei »eine klare Positionierung der evangelischen Kirche erforderlich«.

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