28. Januar 2019, 20:23 Uhr

Kurioses aus dem Reiche der Mitte

28. Januar 2019, 20:23 Uhr
Sven Kemmler

Bei einer Vorpremiere weiß keiner genau, was passiert, aber die Exklusivität der Darbietung nimmt zu, wenn Künstler und Programm doch nicht das gewünschte Publikum finden. Mit seinem Programm »Die neue Mitte – China für Anfänger« nimmt sich Sven Kemmler Zeit, Wunder aus dem Reich der Mitte zu durchleuchten. Ins Badehaus 2 war Kemmler zur Kleinkunst-Reihe gekommen.

Mit einem Loblied auf den Wein, entstanden in grauer Vorzeit, rühmen sich Autor und Künstler, das Wesen Chinas zu vermitteln, doch das Land des Lächeln ist jetzt das Land des Aufbruchs, und ein Blick hinter die Kulissen lohnt, nicht nur für Anfänger.

Kemmler muss seine Faszination über die futuristische Silhouette von Shanghai korrigieren. Dass dort die Moderne ein »innerer Wellnesstempel« zwischen Smartphone und E-Mobilität ist, ist offenkundig. Dass aber Milchpulver und Babywindeln im Einzelhandel nicht verfügbar sein sollen, verstört schon. China ist im Aufbruch, unbesehen, die Autobahn nach Westen heißt jetzt »neue Seidenstraße«.

Nur: augenscheinlich unbegrenzte Finanzmittel und unbändiger Expansionswille erzeugen leichte Misstöne bei den Anrainern, wenn der einseitige Gestaltungswille auch mal militärisch durchgesetzt wird. »Die neue Mitte« ist mit Vorsicht zu genießen. Kulturkomiker Kemmler will es wissen, vor Ort den Menschen begegnen und die Mentalität der Chinesen verstehen, Horizonterweiterung und kulturelle Begegnung sind der Ansatz. Der neue »Weltbestimmer« kommt aus Asien, Amerika will nicht mehr Weltmacht sein, die EU beschäftigt sich mit sich selbst, und Russland will die Krim und St. Moritz. Global tut sich was, und Kung Fu und Konfuzius müssen im 21. Jahrhundert den Härtetest noch bestehen. Mao hat den langen Weg schon hinter sich, die Folgen seiner Kulturrevolution sind heute noch spürbar. Und Xi ist inzwischen auf der Überholspur, lächelnd mit militärischer und wirtschaftlicher Aufrüstung zur Weltmacht.

Kemmler schaut auf Milliarden von Menschen, die Wolkenkratzer-Städte im Minuten-Takt zum Nulltarif hochziehen, während andere Milliarden in unfertigen Flughäfen versenken. Der »Parforceritt durch 3000 Jahre Zivilisation« ist für den Komiker eine Freude und ein Wechselbad der Gefühle.

Ohne Milchpulver und Windeln

Der farbigen Blumigkeit der Dichtkunst setzt Kemmler Fakten entgegen, auch wenn chinesisches Essen dem »kulinarischen Urknall« gleichkomme.

Dem Programm fehlt noch der Biss, aber die Botschaft ist klar: Die Zukunft liegt im Osten: Kommerz und Propaganda in einer neuen Dimension überholen alte Wertekonzepte. (Foto: hkr)

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