22. August 2019, 19:56 Uhr

Kultkneipe schließt nach 39 Jahren

22. August 2019, 19:56 Uhr

Bei Wohnbach und Obbornhofen entspringt der Waschbach. Das Gewässer fließt ostwärts durch Berstadt und mündet nach sieben Kilometern südlich von Grund-Schwalheim in die Horloff. Der meist kleine Bach sorgt bei Starkregen bisweilen für Überschwemmungen in den Berstädter Gärten. Der Waschbach, im Ortsbereich auch Zingelbach genannt, quert zu Beginn der Kellergasse die heutige Brückenstraße. Hier gab es bereits seit Kriegsende eine Gaststätte namens »Bremerhaven«. Die Bäckereifamilie Groth, später Familie Bornmann beziehungsweise Klein, erwarb das Gasthaus von Fritz Seipp und führte es unter dem Namen »Brücke« weiter - in Anlehnung an den markanten Standort am Waschbach.

Die kleine Kneipe hatte wie andere ihrer Art in Berstadt ein spezielles Ambiente - und spezielle Stammkundschaft. Zu nennen sind hier die Kleintierzüchter. Über ein Ereignis von 1954 wird heute noch gesprochen: Beim Gewinn der Fußballweltmeisterschaft warf der Wirt Hugo Groth nach Abpfiff des 3:2-Sieges gegen Ungarn voller Freude ein Glas durch das geschlossene Fenster.

In späteren Jahren wurde die Gaststätte verpachtet. 1980 übernahm die heutige Wirtin Christel Lang mit ihrem Mann das Lokal. Eine Ära begann, die fast 40 Jahre dauern sollte. Christel Lang hierzu: »Ich hätte gerne die 40 vollgemacht, aber die Eigentümer haben andere Pläne«, sagt sie. Eine Fortführung als Gaststätte sei ausgeschlossen. »Das muss man respektieren. Deshalb ist am kommenden Wochenende Schluss.« Aber nicht bevor man am Samstag und Sonntag noch einmal in die Vollen geht.

Mit der »Brücke« schließt die letzte der Berstädter Kneipen, die nicht als Speiselokal ausgerichtet waren. Hier traf man sich nicht nur zum Schöppche, der Meinungsaustausch stand im Mittelpunkt. Die Gaststätte war Vereins- und Clublokal diverser Gruppen; Ende des 20. Jahrhunderts auch eines Tischfußball-Bundesligaclubs, der in Pohlheim Bundesliga-Spieltage mit Vereinen aus ganz Deutschland organisiert hatte.

Konflikte mit der Ordnungsmacht

Die Vielfältigkeit in der »kleinen Kneipe«, wie Peter Alexander einst eine solche besang, war groß. Bei privaten Pokerrunden gerieten die Gäste wegen der Sperrzeiten gelegentlich mit der Ordnungsmacht in Konflikt. Im Sommer war das Mäuerchen, das den kleinen Vorhof umrahmt, an Wochenenden bis zum nächsten Morgen belegt. Einmal sollen vorbeifahrende Radtouristen am Sonntagvormittag mit Sekt begossen worden sein.

Die »Brücke«, obwohl für Speisen nicht ausgerichtet, zog zunehmend Gruppen an, die bei ihren Stammtischen kleine Speisen orderten. Das Lokal entwickelte sich schließlich zu einem Treff nicht nur für Berstädter. Und doch wurden die Berstädter Eigenarten gepflegt; ein Verdienst der Wirtin Christel Lang. Ihr war es zu verdanken, dass der jahrhundertalte »Berschder Maad« Ende November wiederbelebt wurde. Mit der evangelischen Kirchengemeinde fanden zuletzt sehr gut besuchte Gottesdienste im Lokal statt.

Zum Lutherjahr 2017, das gleichzeitig das 1200-jährige Berstädter Jubiläumsjahr war, nannten die Eigentümer die »Brücke« für ein Jahr in »Luther-Klause« um - und zu besonderen Ereignissen wurde ein speziell gebrautes Lutherbier ausgeschenkt.

Wenn »die Christel« am Sonntagabend das letzte Bier gezapft hat, müssen die Berstädter und ihre Gäste aber nicht auf dem Trockenen sitzen: Im dem 1700-Seelen-Ort gibt es mit dem Dorfgemeinschaftshaus und dem Berstädter Hof noch zwei Lokale, die eine breite gastronomische Palette anbieten. Das Flair der »Brücke« wird trotzdem fehlen. Davon zeugt der gute Wochen der Kultkneipe in den vergangenen Wochen. Frei nach dem Motto: »Man muss die letzten Tage noch einmal genießen. Auf geht’s in die Brücke.«

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