25. Februar 2019, 19:25 Uhr

Kühner Denker in stürmischer Zeit

25. Februar 2019, 19:25 Uhr
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Von Gerhard Kollmer
Prof. Lothar Kreimendahl

Bad Nauheim (gk). Geboren wird er 1647 im Pyrenäenvorland als Sohn eines hugenottischen Predigers. Nach Eintritt als Student in das Jesuitenkolleg der Stadt Toulouse konvertiert er – nicht aus Überzeugung, sondern rein pragmatischen Gründen – zum Katholizismus, um nach Verlassen der renommierten Bildungsstätte sofort wieder zum reformierten Glauben zurückzukehren. Damit gilt er als »Relaps«, das heißt vom wahren katholischen Glauben Abgefallener.

Die Rede ist von Pierre Bayle, den Prof. Lothar Kreimendahl von der Universität Mannheim als ausgewiesener Kenner in einem kurzweiligen Vortrag am Freitagabend im Rahmen der philosophischen Reihe im Badehaus 2 als »Vater des modernen kritischen Denkens« vorstellte. Nach kurzer Lehrtätigkeit in Sedan (damals noch zum Hl. Römischen Reich gehörig) verlässt der hugenottische Gelehrte Frankreich für immer und findet Schutz und Sicherheit im calvinistischen Rotterdam. Dort entfaltet er bis zu seinem Tod 1706 eine rege Lehr- und Forschungstätigkeit. Nach Erlass des »Edikts von Fontainebleau« im Jahr 1685 durch Ludwig XIV. verlassen etwa 200 000 Hugenotten ihr Heimatland. Wer zurückbleibt und nicht konvertiert, riskiert den Tod als Ketzer. Das epochemachende Hauptwerk Bayles ist sein von 1687 bis 1701 in vier dicken Folianten erscheinendes »Historisch-kritisches Wörterbuch«. In dieser Ein-Mann-Enzyklopädie wird – völlig unüblich – kein Faktenwissen ausgebreitet, sondern es geschieht genau das Gegenteil: Bayle unterzieht das ihm zugängliche Wissen seiner Zeit einer äußerst kritischen Sichtung und gelangt dabei zum ernüchternden Ergebnis, dass es sich meist um – einer kritischen Prüfung nicht standhaltendes – Pseudo-Wissen handelt. Der gläubige Calvinist geht sogar noch weiter, wenn er den Anspruch des Menschen, objektiv gesichertes Wissen jenseits von Dogma und Vorurteil zu generieren, grundsätzlich in Zweifel zieht.

Bayles aus dem Geist der antiken »pyrrhonischen« Skepsis gespeiste Vernunftkritik lässt kaum einen Stein auf dem anderen und handelt sich auch im eigenen Lager scharfe Kritik ein – zum Beispiel von seinem ehemaligen Freund und wissenschaftlichen Weggefährten Pierre Jurieu. Ein Schlüsselbegriff in Bayles Denken ist »Toleranz«. Warum? Wer die Relativität, Begrenztheit, ja Bodenlosigkeit allen sog. »Wissens« nachgewiesen zu haben meint, glaubt niemand, traut keiner noch so ehrwürdigen Instanz mehr, die sich im Besitz der alleinigen Wahrheit wähnt.- Aber gilt dies auch für die »Glaubenswahrheiten« der Religion?

Ist Pierre Bayle, der immer seine Treue zur Lehre Calvins bekundet hat, in Wahrheit ein verkappter Religionskritiker, gar Materialist – wie es mancher heutige Forscher behauptet? Oder vertritt er nicht – ganz im Gegenteil – eine »fideistische« Position, für die einzig solche, rational weder beleg- noch widerlegbaren, Glaubenswahrheiten Gültigkeit besitzen?

Streit der Geister

Auch diese Position wird in der modernen Bayleforschung vertreten. Materialismus contra Fideismus: Prof. Kreimendahl verzichtete zu Recht auf Positionierung in diesem Streit der Geister und schritt stattdessen die verschlungenen Gedankenwege eines »Kontinents für sich« ab – zum Beispiel auf dem Feld der Bibelkritik, wenn Bayle beispielsweise vordergründig über König David redet, in Wahrheit aber Jesus von Nazareth meint. Diese Art wissenschaftlicher »Camouflage« verleiht dem französischen Frühaufklärer einen leicht chamäleonhaften Charakter. Wer ihn verstehen, von ihm lernen will, lasse alle Hoffnungen auf schnelle, simple Belehrung fahren. Dann, nur dann wird er reich belohnt werden. (Foto: gk)



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