Wetterau

Krank, aber glücklich: Marlies Schulze über ihr Leben mit Diabetes

Marlies Schulze aus Niddatal hat Diabetes. Die Krankheit platzte in ihr Leben, Stunden bevor ihr Kind zur Welt kommen sollte. Es wurde ein traumatischer Tag, den Schulze bis heute nicht vergessen kann.
06. April 2018, 07:45 Uhr
Laura Kaufmann
Marlies Schulze sagt: »Früher haben Diabetiker 20, vielleicht 30 Jahre gelebt. Dann waren sie tot.« Sie selbst lebt seit 40 Jahren mit Diabetes Typ 1 und sagt: »Das Leben wird immer schöner, je älter ich werde.« Sie möchte jungen Patienten Mut machen. (Foto: nic)

Der Körper des toten Kindes kam in die Pathologie. »Ich denke noch immer daran. Ich hätte dieses Kind nicht weggeben dürfen«, sagt Marlies Schulze. Katharina hatte sie das Mädchen nennen wollen. Es starb kurz vor der Geburt.

»Ich war 25 Jahre alt«, berichtet die Niddatalerin. In der Schwangerschaft bekam die heute 65-Jährige Diabetes. Doch das wusste sie damals nicht. Sie bemerkte nur, dass sie immer dünner wurde, ständig durstig und müde war.

 

Strenge Diät und schlechte Ratschläge

 

Drei Tage vor der Entbindung hörte Katharinas Herz auf zu schlagen. Im Krankenhaus erhielt Marlies Schulze die Information, dass ihr Blutzuckerwert hoch sei. Sehr hoch. »Kurz vorm Abnippeln.« Die Ärzte hätten sich mit der Krankheit damals nicht gut ausgekannt. »Sie setzten mich auf eine strenge Diät. Morgens gab es eine Scheibe Knäckebrot, mittags einen Magerjoghurt, abends wieder Knäckebrot.« Nach der Entlassung ging Schulze zu einer Internistin. »Sie gab mir kein Insulin, sondern den Rat, mich Gott zuzuwenden.«

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Ein Jahr später war Marlies Schulze wieder schwanger, vier Monate vor der Geburt des Kindes stieg der Blutzuckerwert erneut an. »Ich kam in die Uniklinik, dort hieß es, ich soll mich ins Bett legen. Dabei muss man sich als Zuckerkranker viel bewegen.«

 

Abgemagert und krank

 

Immerhin bekam sie Insulin, das Kind wurde gesund geboren. Der Diabetes blieb. »Ich durfte fast nichts essen. Ein Jahr später wog ich noch 35 Kilo.« Ihr seien zudem schwere Vorwürfe gemacht worden. »Es hieß, es sei unverantwortlich von mir, als Diabetikerin ein Kind zu bekommen.«

Für Marlies Schulze ist das alles heute nur noch schwer vorstellbar. Sie sagt, sie lebt gut mit der Krankheit. Damit das so bleibt, verzichtet sie auf Süßes, fährt wenn möglich jeden Tag 40 Kilometer Fahrrad. Sie hat Dutzende Urlaube gemacht, zwei Söhne großgezogen, im Garten und am Haus schwer körperlich gearbeitet. »Man kann alles machen.« Diabetes schränke heute kaum noch ein. Umso mehr habe sie sich vor wenigen Wochen über einen Artikel in der WZ geärgert. Der vierjährigen Mara aus Nidda drohte aufgrund ihrer Diabeteserkrankung das Kita-Aus. Die Erzieherinnen, die nicht verpflichtet sind, Maras Insulinpumpe zu bedienen, hatten Angst, Fehler zu machen; zumal Mara – wohl genervt von der Pumpe – das Gerät kurzerhand ausschaltete.

 

Jahrzehntelang musste sie sich stechen

 

Schulze empört das Verhalten der Erzieherinnen. »So etwas darf nicht passieren. Es gibt Schlimmeres als Diabetes«, die früher bei jungen Leuten selten auftrat, heute aber immer öfter auch bei Kindern vorkommt. »Die Krankheit kann man beherrschen«, sagt sie und zeigt auf ihren Oberarm. Darauf klebt ein kleiner Sensor. Er misst und speichert den Blutzuckerwert automatisch, sendet die Daten an ein Lesegerät. Je nach Befund spritzt Schulze Insulin.

So leicht wie heute war es früher nicht. Jahrzehntelang habe sie sich stechen müssen, um ihren Blutzuckerwert zu erfahren. Und damals, im Alter von 27 Jahren, als sie streng Diät halten musste und noch 35 Kilogramm wog, da habe sie der Verzicht psychisch krank gemacht. In einer Spezialklinik in Bad Oeynhausen bekam sie Hilfe. »Ich durfte erstmals wieder ein Brötchen, eine Scheibe Käse, eine Marmelade morgens essen. Das tat so gut.« Sie wurde geschult im Umgang mit der Krankheit. »Ich fühlte mich besser.« 1981 habe sie ein Blutzuckermessgerät für den Hausgebrauch bekommen, im Laufe der Jahre seien Technik und Insulin stetig besser geworden.

Ihr Rat an Betroffene: »Die Krankheit annehmen.« Ihr Rat an alle, die mit jungen Diabetikern zu tun haben: »Die Kinder nicht ausgrenzen.«

Info

Diabetes auf dem Vormarsch

Diabetes ist eine Stoffwechselerkrankung, Betroffene leiden unter zu hohem Blutzucker. Schätzungen gehen davon aus, dass in Deutschland etwa sieben Millionen Menschen an Diabetes erkrankt sind, Tendenz steigend. Etwa fünf bis zehn Prozent der Betroffenen, darunter auch Marlies Schulze, leiden unter Diabetes Typ 1, die meisten anderen unter Typ 2. Bei Typ 1 sterben insulinproduzierende Zellen in der Bauchspeicheldrüse ab, so dass Insulin von außen zugeführt werden muss. Die Krankheit tritt oftmals bei jüngeren Menschen auf. Diabetes Typ 2 wird auch als Altersdiabetes bezeichnet. Früher passte das besser als heute, denn immer öfter sind auch Kinder und Jugendliche betroffen. Die Krankheit geht mit Bewegungsmangel und Übergewicht einher. Es gibt weitere Diabetesformen, etwa Schwangerschaftsdiabetes, die bei rund vier Prozent der werdenden Mütter vorkommt. Unbehandelt bringt die Krankheit erhebliche Gefahren für Mutter und Kind mit sich. (lk)

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/wetteraukreis/friedbergbadnauheim/Wetterau-Krank-aber-gluecklich-Marlies-Schulze-ueber-ihr-Leben-mit-Diabetes;art472,412215

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