14. September 2017, 14:00 Uhr

»Deutsches Haus«

Kraftakt mit Happy End in Traditionsgaststätte

Die aufwendige Sanierung eines der ältesten Gasthäuser Bad Nauheims, des »Deutsches Hauses«, ist fast abgeschlossen. Für das Wirtsehepaar Jäckel ein Kraftakt. Viele Bürger zeigten sich solidarisch.
14. September 2017, 14:00 Uhr
Bis zur Kerb soll das Gerüst verschwunden und die Sanierung des »Deutschen Hauses« abgeschlossen sein. (Foto: Nici Merz)

Für Ruth und Dieter Jäckel war es ein völlig neues Wohngefühl. Nach Feierabend saß das Ehepaar in einem zugigen Acht-Quadratmeter-Zimmer ohne Außenwand. Glücklicherweise sind diese Tage vorbei. Denn die Instandsetzung des »Deutschen Hauses« (Ecke Hauptstraße/Mittelstraße) geht dem Ende entgegen. Nicht nur die Gaststube kann wieder genutzt werden, auch die Wohnung des Wirts-Ehepaars im Obergeschoss ist intakt.

Als im Herbst der marode Zustand etlicher tragender Balken in zwei Wänden des denkmalgeschützten Gebäudes entdeckt wurde, waren die Betreiber aus allen Wolken gefallen, erwachten je aus ihren Träumen vom erholsamen Rentnerdasein. Inzwischen hat Dieter Jäckel seine gute Laune längst wiederentdeckt, nimmt die Sache mit Galgenhumor: »Wenn ich noch zehn Jahre arbeite, habe ich den Kredit abbezahlt.« Dann ist er 83, seine Frau 80 Jahre alt.

Einsturz drohte

Rund 200 000 Euro wird die Instandsetzung verschlingen, 50 000 weniger als ursprünglich geschätzt. Ein halbes Jahr lang waren die Handwerker zugange, um Balken auszutauschen und das Fachwerk wieder herzustellen. Vor etlichen Jahrzehnten war Wasser ins Gebälk des Hauses eingedrungen, das die Jäckels 1996 erworben hatten. Als sie die Fassade neu verputzen lassen wollten, wurden die enormen Schäden entdeckt.
 

Wirt Dieter Jäckel – hier im Gespräch mit Spendenaktion-Initiator Manfred Wöll (r.) – hat ...

Schnelles Handeln war angesagt, um den Einsturz des 1650 erbauten Hauses zu verhindern. Aufzugeben war für das Ehepaar keine Option. Schließlich hatte sie zuvor schon eine Menge Geld in Heizung, Küche, Toiletten, Fenster und Fußböden investiert. Außerdem steht mit Sohn Andreas ein Nachfolger bereit, dem sie das »Deutsche Haus« eigentlich schon in diesem Jahr übergeben wollten. Daraus wird jetzt nichts, denn der nächsten Generation soll kein Schuldenberg hinterlassen werden.

Noch mal Galgenhumor von Dieter Jäckel: »Der Architekt hat gemeint, dass ich nach dieser Sanierung die nächsten 300 Jahre Ruhe habe.« Stimmt nicht ganz, denn 2018 muss das fränkische Hoftor, ebenfalls denkmalgeschützt, renoviert werden, auch das wird nicht ganz billig.

Erhebliche Umsatzverluste

Zu den Sanierungskosten von 200 000 Euro kommen erhebliche Umsatzverluste während der Bauphase. Monatelang konnte nur der überdachte Hof genutzt werden, wobei die Jäckels Glück mit dem Wetter hatten, denn ab Mai herrschten meist angenehme Temperaturen. »Das Ganze ist uns schon an die Nerven gegangen«, sagt der 73-Jährige rückblickend.

Auf eine Feier zur Wiedereröffnung wird verzichtet, denn direkt nach Abschluss des Projekts steht ab dem 29. September die Kernstadt-Kerb an. Bis dahin, so eine Auflage der Stadt, muss das Gerüst verschwunden sein. Schließlich sollen in der Mittelstraße auch vor dem »Deutschen Haus« Verkaufsstände aufgebaut werden.

Das Innenleben der urigen Kneipe hat sich nicht verändert.

Dankbar ist das Wirtsehepaar für die Unterstützung durch zahlreiche Bad Nauheimer. Die Spenden (siehe weiteren Artikel) sind zwar letztlich nur ein Tropfen auf den heißen Stein, das Engagement zeigt aber die enge Verbundenheit mit dem Gasthaus, in dem bereits Mitte des 17. Jahrhunderts die ersten Gäste bewirtet worden sein sollen. Der Legende nach schaute auch der berühmte Räuberhauptmann »Schinderhannes« vorbei.

Unverständliche Äußerungen

Klaus Niemeyer, Volker Lange und Manfred Wöll vom KVM-Stammtisch hatten die Initiative ergriffen, um wenigstens einen kleinen Beitrag zum Erhalt ihrer »zweiten Heimat« zu leisten. Wöll hätte sich mehr Spenden erhofft, doch es sollte nicht sein. Unverständlich sind für ihn einige Äußerungen von Bad Nauheimern, die ihn für seine Aktionen pro »Deutsches Haus« kritisiert hätten. »Warum ich mich für einen Privatunternehmer einsetze, der solle doch selbst sehen, wo er bleibe, bekam ich zu hören.«

Angesichts solcher Aussagen schüttelt Wöll den Kopf. Ihm geht es nicht nur um den Erhalt seines Stammtischs in einer urigen Kneipe, sondern auch um den Fortbestand eines Baudenkmals – und nicht zuletzt um die Unterstützung von zwei Menschen, die ihm wichtig sind.

 

Info

Spenden aus USA und Schweiz

Die Bad Nauheimer, die sich für den Erhalt der Altstadt-Gaststätte »Deutsches Haus« starkgemacht haben, konnten Spenden in Höhe von rund 7500 Euro akquirieren. Neben den Mitgliedern des KVM-Stammtischs engagierten sich einige Einzelhändler und Apotheker sowie die Hiesbach-Karnevalisten und der Turn- und Sportklub (TSC) Bad Nauheim. Wie Manfred Wöll vom KVM-Stammtisch erzählt, haben sogar zwei Damen aus den USA und der Schweiz gespendet, die bereits vor Jahrzehnten ausgewandert sind. Das »Deutsche Haus« in ihrer alten Heimat haben sie in guter Erinnerung behalten. (bk)

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