05. Februar 2018, 19:26 Uhr

Kontroverse um Entwicklungshilfe

05. Februar 2018, 19:26 Uhr
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Von Antje Lilienthal
Attac-Vertreter Alexis Passadakis (M.) und kritische Bad Nauheimer (v. l.): Edmund Wegner, Agnes Römer, Dr. Helmut Francke, Dr. Christine Kunert, Gerd Joachim, Hermann Römer und Gudrun Joachim. (Foto: all)

Vor der Kasse im Bad Nauheimer Fantasisa-Filmtheater bildete sich eine kleine Schlange. Agnes Römer, Vorstandsvorsitzende des Vereins »Bad Nauheim – fair wandeln«, strahlte. Die Filme »Konzerne als Retter« von Caroline Nokel und auch der zweite Film »Dead Donkeys Fear no Hyenas – Grünes Gold« von Joakim Demmer aus dem globalisierungskritischen Filmfestival »Globale Mittelhessen« waren in der Kurstadt gefragt. »Wir hatten mehr als 180 Besucher und damit doppelt so viel wie im letzten Jahr«, freute sich die Organisatorin.

Der aufwendig recherchierte Dokumentarfilm »Konzerne als Retter« nahm das Publikum aus der Wetterau mit auf Erkundungsreise nach Afrika. Unter anderem ging es zu einem Kartoffelanbaugebiet in Kenia, einer Palmölplantage in Sambia und zu einer Kaffeeplantage nach Tansania. Allesamt Monokulturen, die nach westlichem Muster industriell bewirtschaftet werden.

Nachdenkliches Publikum

Eine typische Realität heutiger staatlicher Entwicklungshilfe im Ernährungs- und Landwirtschaftssektor. Sie setzt unter dem Stichwort öffentlich-private Partnerschaften auf zusätzliche Investitionen aus der Privat- und Finanzwirtschaft. Damit will sie das erklärte UN-Ziel erreichen, bis 2030 Armut und Hunger weltweit zu beenden. Der Einsatz unternehmerischen Know-hows und privater Finanzmittel soll die Erträge aus staatlich geförderten Projekten steigern und damit den Unternehmen Gewinne, den Privatanlegern Rendite und der Bevölkerung eine Verbesserung ihrer Lebensbedingungen bescheren. Eine »Win-win-Situation« für alle Beteiligten, beschwören die Protagonisten dieser Strategie wie Entwicklungshilfeminister Gerd Müller oder Martin Geiger von der Deutsche Investitions- und Entwicklungshilfegesellschaft (DEG), aber auch Regierungsvertreter der afrikanischen Länder.

Dass diese Rechnung für die Kleinbauern allenfalls kurzfristig aufgeht, zeigen nahezu alle Beispiele. Entweder werden sie von dem von ihnen bewirtschaftetem Land vertrieben und müssen sich als schlecht bezahlte Tagelöhner bei Großkonzernen verdingen oder sie werden von diesen unter Vertrag genommen und müssen zu deren Bedingungen anbauen. Ihr teures Saatgut kaufen und sich dafür verschulden, ihren teuren Dünger und ihre Pestizide.

Häufig geht es ihnen dabei schlechter als ohne Entwicklungshilfeprojekte, kritisieren die Gegner dieses Weges wie Nora McKeon, Wissenschaftlerin für Ernährungssicherheit und Niema Movassat von der Partei Die Linke. Der 90-minütige Film ließ ein nachdenkliches Publikum zurück. »Er macht eine neue Form des Kolonialismus erschreckend deutlich«, sagte Gerd Joachim aus Bad Nauheim. Einziger Lichtblick des Films sei die Arbeit des mittelständischen Unternehmens Ecoland in Sansibar, das eigenverantwortlich und nach traditionellen Methoden angebaute Bioprodukte von Gewürzbauern zu einem fairen Preis für sie vermarktet.

Andere Stimmen bestärkten diesen Tenor. Für Edmund Wegner aus Bad Nauheim »spart das vordergründige ›Win-win-Argument‹ der ausschließlich betriebswirtschaftlich denkenden Entwicklungshilfemanager ökologische Aspekte und eine selbst bestimmte Eigenversorgung vor Ort aus.«

Auch Dr. Helmut Francke aus Bad Nauheim kritisierte, dass »diese EU-Förderung die afrikanischen Agrarmärkte kaputt macht. Der Verbraucher sollte seine Macht dagegen setzten und sein Geld für die dort von den Kleinbauern hergestellten Bioprodukte ausgeben.« Dagegen zweifelte eine Frau aus Bad Nauheim. »Die Konzernvertreter kamen doch sehr negativ rüber in dem Film. Aber er liefert auf jeden Fall Gesprächsstoff für mich und meinen Mann.«



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