29. März 2017, 20:25 Uhr

Konfrontation mit dem Kaiser

29. März 2017, 20:25 Uhr

Beim Friedberger Geschichtsverein hat Prof. Holger T. Gräf vom Hessischen Landesamt für geschichtliche Landeskunde in Marburg über »Landgraf Philipp und die Reformation – Hessens Aufbruch in die Neuzeit« gesprochen. Während der staatlich-politischen Konflikte der Reformationszeit spielte die Landgrafschaft Hessen mit Philipp eine wichtige Rolle im Reich und in Europa. Das Haus Habsburg musste sich mehrerer Opponenten wie Frankreich, der Osmanen und des Papstes erwehren, die Reformation war nicht das drängendste Problem.

Ansehensverlust wegen Doppelehe

Aus der Kaiserwahl 1519 ging Karl V. gegenüber den Reichsständen und Fürsten geschwächt hervor. Bis zur Wahl ruhte die Verfolgung Luthers als Häretiker. Auch konnte der sächsische Kurfürst Luthers Anhörung in Worms 1521 durchsetzen. Das kaiserliche Edikt gegen ihn war eher politisch motiviert, nach seinem Erlass war die konfessionelle Spaltung nicht mehr zu stoppen. Es ging nicht mehr nur um Luther, sondern die theologische Reformbewegung wurde zur Fürstenreformation. Die Herrscher agierten kirchenpolitisch und suchten die Einheit des Glaubens in ihrem Territorium über den Aufbau von Landeskirchen. Landgraf Philipp beauftragte hiermit zuerst Franz Lambert von Avignon, einflussreicher wurde als Hessenreformator aber Adam Kraft. Nach Auflösung der Klöster wurde ihr Vermögen umgewidmet für karitative und Bildungs-Aufgaben, Kirchengut diente fortan dem Allgemeinwohl. Der Landesfürst ersetzte unter anderem die geistliche Gerichtsbarkeit, hatte nun auch in Glaubensfragen das letzte Wort und höhere Legitimation. Für die vermehrten Aufgaben wurden neue Institutionen geschaffen, den höheren finanziellen Belastungen wurde mit dem Ausbau des Finanzsystems begegnet. Philipp führte anti-katholisch die Front gegen den Habsburger Kaiser an. Einigungsversuche unter den Reformatoren scheiterten beim Marburger Religionsgespräch 1529. Veranlasst vom Augsburger Bekenntnis von 1530 schaltete der Kaiser auf Konfrontation. Im Schmalkaldischen Bund der Protestanten gegen Karl V. wurde Philipp die treibende Kraft. Doch fügte er durch seine Doppelehe der evangelischen Allianz großen Ansehensverlust zu und war durch seinen Geheimvertrag mit dem Kaiser ursächlich auch für die spätere militärische Niederlage verantwortlich. Die Fürstenrevolte 1551/52, der Augsburger Religionsfrieden 1555 und die Abdankung Karls V. ein Jahr später führten endgültig zur Aufgabe der Glaubenseinheit und ebneten dem konfessionell orientierten Territorialstaat den Weg. In ihm wurde Religion zum Bindeglied der Gesellschaft.

Philipp, über Hessen hinaus ein wichtiger Akteur, und die Reformation in Hessen standen in vielerlei Weise am Beginn der Neuzeit, die Aufteilung des Landes unter seinen vielen Erben war allerdings unmodern und trug dazu bei, dass Hessen nach Philipp keine übergeordnete Rolle mehr spielte und erst nach 1945 erneut zur Einheit fand. Deshalb war die Verehrung Philipps lange sehr zurückhaltend, erst in wilhelminischer Zeit feierte man den schwertgewaltigen Helden der Reformation. (Foto: pv)

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