Wetterau

Knopp kommt nach Friedberg: Interview mit dem Mann hinter »History«

Er hat die Mächtigen der Welt getroffen. Für seine Dokumentationen ist Guido Knopp ausgezeichnet, aber auch kritisiert worden. Am Mittwoch, 17. Oktober, kommt er zu »Friedberg lässt lesen«.
16. Oktober 2018, 08:00 Uhr
Sabine Bornemann
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Sie werden oft als »Mister History« bezeichnet. Sehen Sie sich selber auch so?

Guido Knopp: Nein, das wäre anmaßend. Der Begriff ist im Zuge der »History«-Sendungen geprägt worden, die ich moderiert habe.

Sie erklären Geschichte beispielhaft anhand konkreter Fälle. Eine Mischung aus Fakten, szenischen Elementen und Erklärungen. Kommt diese Art nach wie vor beim Fernsehpublikum an? Sie hatten nämlich in den 80er und 90er Jahren unglaubliche Einschaltquoten.

Knopp: Ab 1997 strahlten wir die Sendungen zur »Prime Time« aus. Wir haben früh diese Mischung gewählt, um die Themen zu vermitteln. Meine Nachfolger haben es heute viel schwieriger. Die Konkurrenz durch die Unterhaltungssendungen ist enorm. Heute muss man sich viel einfallen lassen.

Für diese Form des »Histotainment« wurden Sie schon oft kritisiert. Wie stehen Sie dem gegenüber?

Knopp: Ich habe immer versucht, Schwerpunkte zu setzen und auszuwählen. Wichtig ist, dass das Thema relevant ist, es muss eine latente Aktualität haben, und es muss spannend sein. Geschichte ist spannender als jeder Krimi. Außerdem darf man keine Scheu vor Emotionen haben.

Wie gehen Sie mit der Kritik um? Ihnen wurde vorgeworfen, die Art der Geschichtsdarstellung sei zu seicht und passe nicht.

Knopp: Je mehr Erfolg wir mit dem Format hatten, desto mehr Kritik gab es. Mit den Dokumentationen und Filmen waren wir national und international erfolgreich, wurden in über 150 Ländern gesendet. Da sage ich immer: Mitleid bekommt man geschenkt, Neid muss man sich verdienen.

 

 

Hat sich Ihre Art der Geschichtsvermittlung durch das Internet verändert? Dabei denke ich an die Plattform »Das Gedächtnis der Nation«, die Sie mit ins Leben gerufen haben.

Knopp: Das stimmt. Diese Plattform ist online und soll tatsächlich der ganzen Nation zur Verfügung stehen. Es können sich alle über das 20. Jahrhundert und die wichtigsten Ereignisse informieren.

Wie funktioniert die Plattform?

Knopp: Sie wird durch die direkten Erinnerungen der Menschen lebendig. Sie erzählen von Wendepunkten in ihrem Leben, aber auch von Wendepunkten in der Geschichte.

Wie wichtig ist es Ihnen, die Erinnerungen der Zeitzeugen auf diese Weise festzuhalten?

Knopp: Mir ist es sehr wichtig, dass man auch heute noch Bescheid weiß über Flucht, Vertreibung, Krieg und Bomben und wie die Menschen dies erlebt haben.

Je mehr Erfolg wir mit dem Format hatten, desto mehr Kritik gab es

Guido Knopp

Die Faszination an Themen, die den Zweiten Weltkrieg betreffen, scheint ungebrochen. Auf Nachrichtensendern laufen Dokus über den U-Boot-Krieg, während man gemütlich im Café sitzt. Niemand stört sich an den Bildern. Warum, glauben Sie, ist das so?

Knopp: Es wird sehr viel auf dem internationalen Doku-Markt produziert. Produzenten haben in den 90er Jahren gemerkt, wie gut die Quoten mit diesen Dokus sind. Ich sehe das aber sehr kritisch. Das einzelne Bild wird entwertet.

Wie meinen Sie das?

Knopp: Es werden nicht immer die exakten Bilder zu einem Sachverhalt gezeigt. Das entwertet die historische Dokumentation an sich.

Selbst die Computerindustrie nimmt sich des Zweiten Weltkriegs wieder an. Der neue Teil eines sehr bekannten und erfolgreichen Spiels (Battlefield 5) wird genau um diese historische Epoche gehen. Wie stehen Sie zu dieser Vermarktung der Geschichte?

Knopp: Dieses Computerspiel kenne ich zwar nicht, aber der Trend ist nicht neu. Bereits in den 90er Jahren gab es das sehr erfolgreiche Spiel »Panzergeneral«. Für die Spieler ist das einfach Action. Die moralischen Hemmnisse kennen sie oft nicht.

Verharmlosen diese Spiele nicht die eigentlichen Ereignisse?

Knopp: Man muss tolerieren, dass diese Spiele von Jugendlichen genutzt werden. Die Spieler brauchen aber eine kritische Distanz dazu. Und man sollte nicht alles für bare Münze nehmen, was dort über den PC läuft.

Hinzu kommt die »rechte Szene«. Sie bedient sich nach wie vor gewisser Symbole und Ausdrücke der Vergangenheit. Auch die AfD tut das verbal. Muss man da als Historiker entgegenwirken und aufklären?

Knopp: Unsere Mittel zur Aufklärung sind der Film und die Berichte der Zeitzeugen. Damit kann man vermitteln: So nie wieder.

Wie hat das Internet die Geschichtsvermittlung beeinflusst?

Knopp: Verschiedene Themen sind präsenter geworden, in der Darstellung sind es im Internet oft »You-Tube«-Formate, einzelne Schnipsel. Mit diesen Schnipseln alleine sollte man sich nicht informieren.

Wie sieht gute Information aus?

Knopp: Dazu gehören ein guter Film, eine gut recherchierte Doku, dazu Kommentare, die das Geschehen einordnen.

In Ihrer Karriere haben Sie viel erlebt, sind mit vielen Persönlichkeiten zusammengekommen, haben zahlreiche Preise bekommen. Was wird Ihnen besonders in Erinnerung bleiben?

Knopp: Mich haben sehr viele Begegnungen und Erlebnisse geprägt. In Erinnerung bleibt mir die Emmy-Verleihung 2005 in New York für »Das Drama von Dresden«.

Meine Nachfolger haben es heute viel schwerer

Guido Knopp

In Ihrem neuen Buch schreiben Sie Ihre Geschichte auf. Was wollen Sie den Lesern vermitteln?

Knopp: Der Titel lautet »Meine Geschichte«, er ist doppeldeutig zu verstehen: Es ist meine persönliche Biografie, und es sind Geschichten, die ich mit vielen klugen, jungen Leuten bei meinen Projekten erlebt habe. Und die Begegnungen mit den Mächtigen dieser Welt.

Wer waren diese Mächtigen, die Sie getroffen haben?

Knopp: Gorbatschow, Kohl, Genscher, um nur einige zu nennen.

Sie sind gebürtig aus Treysa, haben lange an der Universität in Gießen gelehrt. Nun lesen Sie in Friedberg. Welchen Bezug haben Sie heute noch zur Wetterau und der Region?

Knopp: In der Wetterau war ich noch nie. Ich freue mich auf die Premiere in Friedberg. Ein Bekannter aus der Wetterau hat mir erzählt, dass dort das »r« wie bei den Amerikanern gerollt wird. Ich bin gespannt, das am Mittwoch zu hören. (Foto: C. Bertelsmann)

Info

Lesung in Friedberg

»Mister History« blickt zurück: Guido Knopp, der das neue Geschichtsfernsehen nachhaltig geprägt hat und damit für Millionen von Zuschauern zum wichtigsten Geschichtslehrer geworden ist, hat seine Biografie geschrieben und sie »Meine Geschichte« genannt. Darin schaut er auf politische Entwicklungen, autobiografische Stationen und persönliche Erlebnisse. Mit diesem Buch ist Knopp zu Gast bei »Friedberg lässt lesen«: Am Mittwoch, 17. Oktober, 20 Uhr, liest er in der Ovag-Hauptverwaltung in der Hanauer Straße 9-13. (koe)

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/wetteraukreis/friedbergbadnauheim/Wetterau-Knopp-kommt-nach-Friedberg-Interview-mit-dem-Mann-hinter-History;art472,499907

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