05. November 2018, 14:36 Uhr

Auster und Klinge

Knochen, Blut und Seele: So schreibt Lilian Loke

Es ist wie ein Sog. Wenn Lilian Loke eine Idee hat, lässt sie die nicht mehr los und muss. Jetzt bringt sie ihren neuen Roman »Auster und Klinge« zu »Erlesenes nach Bad Nauheim« mit.
05. November 2018, 14:36 Uhr
Von einem riskanten Deal in einer erbarmungslosen Welt erzählt Autorin Lilian Loke in ihrem Roman »Auster und Klinge«. (Foto: Christoph Mukherjee)

Ihr neuer Roman heißt »Auster und Klinge«. Was bedeutet der Titel?

Lilian Loke : Der Romantitel entspringt dem englischen, an Shakespeare angelehnten Sprichwort »The world is my oyster« – was so viel bedeutet wie »Die Welt liegt mir zu Füßen« oder »Die Welt gehört mir«. Der Roman untersucht auf verschiedenen Ebenen Genuss, menschliche Leidenschaften und Ziele sowie die Mittel, um diese zu erreichen. Das Aufbrechen einer Auster ist gewalttätig, zugleich assoziiert man etwas Luxuriöses, Wertvolles mit frischen Austern, die man lebendig verspeist.

Spielt er auf das zwiespältige Verhältnis der Protagonisten an?

Loke: »Auster und Klinge« ist Gesellschaftsroman mit Thriller- und Crime-Elementen, ein Spiel mit den Genres: Dabei trifft Victor, ein ehemaliger Einbrecher, auf den Künstler Georg, der für eine großangelegte, illegale Kunstaktion das Einsteigen lernen will und Victor dafür eine Menge Geld bietet. Victor ist ein großer Genussmensch und kann dem Angebot letztlich nicht widerstehen. Georgs Kunstaktion zielt zugleich auf den inhärenten Konflikt von Genuss und Gewalt.

Wie sind Sie zum Schreiben gekommen?

Loke: Geschichten als Medium für Gedankengänge haben mich immer fasziniert. Die ersten Geschichten habe ich in der Schulzeit geschrieben und dann hat es eben nicht mehr aufgehört. Es ist ein schöner Weg, Gedanken zu erforschen und diesen Weg mit anderen zu teilen.

Sie arbeiten in einer PR-Agentur und befassen sich mit sehr technischen Themen. Hightech und Literatur passen auf den ersten Blick nicht zusammen. Oder doch?

Loke: Ich schreibe gerne Fachtexte als Ausgleich, um neue Denkanstöße für das literarische Schreiben zu finden. Speziell IT-Sicherheit und Cybercrime sind gar nicht so weit entfernt von meinem aktuellen Roman, weil diese Themen Schwachstellen in Systemen und speziell auch menschliche Schwächen behandeln. Ein gut gearbeiteter Social-Engineering-Angriff benötigt Kreativität und Empathie, um die Zielperson von einer Fiktion zu überzeugen. Letztlich sind literarische Texte auch eine Form von Social Engineering.

Wann schreiben Sie?

Loke: Ich denke immer über Geschichten nach, suche nach neuen Ideen, egal, ob in einer Bar bei Gesprächen, beim Warten an der Bushaltestelle oder am Schreibtisch. Das eigentliche Niederschreiben ist nur ein Bruchteil des Prozesses, das meiste passiert in Gedanken oder mit schnellen handschriftlichen Notizen unterwegs.

Wo schreiben Sie am effektivsten?

Loke: Es ist eher ein Wann: Wenn mich eine neue Idee packt, ist es wie ein Sog, dann skizziere ich die Rohfassung, beispielsweise einer Szene oder eines Dialogs. Wichtig für mich ist, das Ende zu haben, eine runde Sache. Anschließend überarbeite ich den Entwurf, prüfe, an welchen Stellen man noch feilen und ausarbeiten sollte.

Ihr erster und neuer Roman spielen in Frankfurt. Sie selber leben in München. Haben Sie in Frankfurt recherchiert?

Loke: Ja, ich habe viel in Frankfurt recherchiert. Beide Romane spielen in Frankfurt, eine eindrucksvolle Stadt mit starken Kontrasten, Fachwerk und Wolkenkratzer, Bahnhofsviertel und globale Wirtschaft, deutsch und international zugleich, eine tolle Kulisse.

Frankfurt ist nur unweit von Bad Nauheim entfernt, wo Sie am Mittwoch lesen. Kennen Sie die Gegend und die Region Wetterau?

Loke: Nein, noch nicht, deshalb freue ich mich sehr darauf, hier lesen zu dürfen. Das ist das Schöne an Lesereisen: immer wieder neue Orte entdecken zu können.

»Auster und Klinge« zeichnet sich durch sehr ausgewählte, aber auch dichte, manchmal derbe Sprache aus. Feilen Sie lang an Sätzen oder ganzen Passagen?

Loke: Ich überarbeite jede Passage sehr intensiv, bis ich das Gefühl habe, dass Klang, Tempo und Rhythmus stimmen. Ich beschreibe meinen Schreibprozess meist so: Erst Knochen, dann Fleisch, Blut und Seele. Ich beginne mit Themen und Fragen, die mich umtreiben, dann folgen Geschichte und Figuren, anschließend Kernszenen, in denen die Figuren ihren Ton und ein starkes Eigenleben entwickeln. Dadurch lösen sie auch überraschende Wendungen in der Geschichte aus, die ich vorab nicht geplant hatte. So kommt an den Knochen Fleisch, Blut, Seele, der Text wird lebendig.

Wenn Sie an das Verhältnis der Protagonisten denke, ist es eine gefährliche Freundschaft?

Loke: Victor und Georg entwickeln eine Freundschaft, werden zugleich aber auch Gegenspieler, bis hin zur Eskalation. Beide begehen auf ihre Weise große Fehler, aber bringen sich dadurch auch gegenseitig auf einen neuen Weg.

Für wen ist das Buch als Lesestoff besonders interessant?

Loke: Mich reizt es, möglichst abwechslungsreiche Perspektiven einzunehmen, Figuren, die aufreiben, weil sie so menschlich sind. Ich suche immer nach Ängsten und Schwächen, versuche zu ergründen, wie diese in Stärken umgewandelt werden können und woran wir dabei manchmal scheitern. Für Leser, die gerne in Untiefen eintauchen und schwarzen Humor mögen, ist sicher etwas dabei, denke ich.

Haben Sie schon Ideen für ein neues Buch, wenn ja, dürfen Sie schon etwas verraten?

Loke: Ja, aber verraten kann ich noch nichts.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Austern
  • Figuren
  • Ideen
  • Seele
  • William Shakespeare
  • Bad Nauheim
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen