02. April 2019, 21:12 Uhr

Kniebundhose und Klampfe

02. April 2019, 21:12 Uhr
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Aus der Redaktion
Adolf Reichwein

Vor dem Bad Nauheimer Kulturforum stellte Armin Häfner die Jugendjahre des Reformpädagogen und Widerstandskämpfers Adolf Reichwein vor. Im Vortrag beschäftigte ihn vor allem die Frage, welche Erfahrungen und Entscheidungen im Leben des jungen Reichwein auf dessen spätere Zugehörigkeit in der Widerstandsgruppe des Kreisauer Kreises hindeuteten.

In früher Kindheit kam Reichwein nach Ober-Rosbach. Der Vater der fünfköpfigen Familie, an die vierklassige Dorfschule versetzt, war als Mitglied im Bund freier Erzieher Anhänger einer ganzheitlichen Erziehung. Das Beispiel seiner politischen Neigung zur SPD und seiner sozialen Tätigkeit blieben prägend für das Leben seines Ältesten.

Neben dem Einfluss des Elternhauses war es die Friedberger Gruppe des »Wandervogels«, der Reichwein mit acht Jahren beitrat. In ihrem »Nest« im Dicken Turm strebten die jungen Leute in Kleidung, Gruppenleben und Freizeitgestaltung einen naturnahen Lebensstil an, brachen in Kniebundhosen, mit Rucksack und »Klampfe« zu Wanderungen auf, um sich statt an Tabak und Bier fern von den Bequemlichkeiten der Zivilisation am naturnahen Leben zu erfreuen.

Bald wurde Friedberg auch zum Ort seiner weiteren Schulbildung. Im von der Familie bevorzugten Realschulzweig der Augustinerschule lag der pädagogische Schwerpunkt auf modernen Sprachen wie Englisch und Französisch sowie auf Naturwissenschaft. Das monatliche Schulgeld von über zehn Mark und die Kosten für das Lernmaterial stellten für ein monatliches Lehrereinkommen von 170 Mark eine Belastung dar. Den Schulalltag unterbrachen Feiern oder Ausflüge und Wanderfahrten, die zur damaligen Zeit nur in die nähere Umgebung führten und keinen pädagogischen Gegensatz zu den Zielen des Wandervogels bildeten.

Da an der Augustinerschule für Schüler des Realschulzweigs der Weg zum Abitur nicht möglich war, wechselte Reichwein 1914 zur Obersekunda (siebte Klasse) der Bad Nauheimer Ernst-Ludwig-Schule, deren pädagogisches Programm von der Reformpädagogik bestimmt war. Besonders galt dies für Dr. Reinhard Strecker, Reichweins Lehrer in Deutsch und Geschichte. In ihm lernte er nach seinem Vater einen weiteren Förderer der Volksbildungsarbeit kennen: Bildung als eine Frage der sozialen Gerechtigkeit.

Daneben war dieses eine Jahr 1914/15 in Bad Nauheim bestimmt von den Ereignissen des Krieges, die nicht selten zum Unterrichtsthema wurden, die Schüler aber auch zum Sammeln kriegswichtiger Materialien und zur Steigerung ihrer »körperlichen Tüchtigkeit« anhielten. Zu dieser Zeit führte der von der allgemeinen Kriegsbegeisterung nicht unberührte Reichwein die Kriegschronik seines Heimatdorfes Ober-Rosbach.

Aufrecht in den Tod

Während sich Mitschüler freiwillig zum Kriegsdienst meldeten, verließ Reichwein die Schule, um sich ein Jahr lang im Selbstunterricht auf die Reifeprüfung vorzubereiten, die er 1917 als Externer an der Augustinerschule bestand. Im selben Jahr meldete er sich freiwillig zum Wehrdienst und kam nach kurzer Ausbildungszeit an die Front in Frankreich. Dort schwer verwundet, begann er noch im Lazarett das Studium der Germanistik, Geschichte und Soziologie. Sein Ziel: Erwachsenenbildung als Möglichkeit sozialer Gerechtigkeit.

Aufgrund technischer Probleme konnten nur einige Bilder zum Vortrag gezeigt werden. Auf einem sieht man Reichwein 1944 vor den Volksgerichtshof, aufrecht, erhobenen Hauptes, wenige Stunden vor seiner Hinrichtung. (Archivfoto: pv)



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