08. Januar 2019, 11:00 Uhr

Neujahrs-Varieté

Kleine Sensation: 14-jährige Artistin aus Afghanistan tritt in der Wetterau auf

Die Artistik führt die 14-jährige Rabia Ahmadi aus dem Krieg und Terror in Afghanistan auf die Bühne nach Bad Nauheim. Dank einer Hilfsorganisation und der Ovag tritt sie beim Neujahrs-Varieté auf.
08. Januar 2019, 11:00 Uhr
Jonglieren ist das Spezialgebiet der 14-jährigen Rabia Ahmadi. Sie ist wohl die erste afghanische Artistin, die nach dem Zweiten Weltkrieg auf einer deutschen Varieté-Bühne auftritt.

Eine kleine Sensation ist das Engagement von Rabia Ahmadi für das 17. Internationale Neujahrs-Varieté (10. Januar bis 4. Februar) im Bad Nauheimer Dolce-Theater nicht wegen ihrer Darbietung an sich. Vielmehr ist es des Zustandekommen dieses Auftritts überhaupt. Als die Idee dazu vor sechs Wochen aufkam, erschien sie illusorisch.

Zum ersten Mal in der 17-jährigen Geschichte des afghanischen Educational Children’s Circus (AECC) wird eine einzelne Vertreterin aus diesem Kreis in einem europäischen Varieté auftreten. Überdies dürfte es die erste afghanische Artistin auf einer deutschen Varieté-Bühne überhaupt sein – zumindest nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Auf jeden Fall ist Rabia Ahmadi aus Kabul die jüngste Artistin, die je beim Internationalen Neujahrs-Varieté zu Gast war.

 

Gespräch mit Außenministerium

»Wir haben uns sehr um den Auftritt dieser jungen Frau bemüht«, unterstreichen die Ovag-Vorstände Rainer Schwarz und Joachim Arnold. »Aufgrund der politischen Lage ist es derzeit nicht einfach, Visa für afghanische Bürger zu erhalten. Einige Telefonate und Briefe waren nötig, es gab unter anderem Gespräche mit dem Auswärtigen Amt und der afghanischen Botschaft.« Es sei wichtig, auch positive, aufmunternde Nachrichten aus einem Land zu vermitteln, das seit 40 Jahren durch Krieg und Terror von sich reden mache. Die junge Künstlerin leiste mit vielen anderen einen Beitrag, ihrem Land eine Perspektive zu geben.

Nicht zuletzt werde durch diese Verpflichtung betont, dass Varieté nicht nur für die Vielfalt der Genres steht, sondern auch für die Vielfalt der Künstler in Sachen Herkunft, Religionszugehörigkeit, Alter und Geschlecht. In diesem Jahr werden in Bad Nauheim Artisten aus 15 Nationen zu sehen sein.

 

Visum in Indien

Da die deutsche Botschaft in Kabul derzeit keine Visa vergibt, mussten die Nachwuchsartistin und ihr Trainer zunächst Visa für Indien beantragen, um dann in Neu-Delhi bei der deutschen Botschaft vorsprechen zu können. Weil Rabia Ahmadi schließlich einreisen durfte und auftreten kann, hat der afghanische Botschafter in Deutschland, Abdul Jabar Ariyaee, angekündigt, das Neujahrs-Varieté besuchen zu wollen.

Einige können über die Artistik erlittene Traumata überwinden

Dave Mason, Zirkusprojekt

»Die Verpflichtung von Rabia für diese Weltklasse-Veranstaltung gibt unserem Projekt einen ungeheuren Schub«, freut sich der Däne Dave Mason. Gemeinsam mit Berit Muhlhausen hat er vor fast zwei Jahrzehnten in Kabul das Zirkus-Projekt, eine NGO (Nichtregierungsorganisation) für Kinder und Jugendliche aufgebaut. »Es ist für viele ein Lichtblick und ein Ort des Frohsinns. Es gibt ihnen Selbstvertrauen, einige können über die Artistik erlittene Traumata überwinden.«

 

Drohungen radikaler Kreise

Regelmäßig werden 120 Kinder und Jugendliche im Children’s Culture House in Kabul betreut, gleichviel Mädchen wie Jungen. Beim gemeinsamen Trainieren und Essen lernen sie auch, dass es kaum Unterschiede zwischen den ethnischen Gruppen in Afghanistan gibt, Vorurteile werden überwunden. Bislang sind die Mitglieder der Gruppe vor rund 2,7 Millionen Zuschauern in 25 Provinzen Afghanistans aufgetreten – dort, wo es möglich ist. Denn immer wieder ist dieses Projekt Drohungen radikaler Kreise ausgesetzt.

Unterstützt wird es beispielsweise von der UNICEF und dem Internationalen Roten Kreuz. Jene Jugendliche, die soweit sind, leiten Gleichaltrige und Jüngere selbst beim Training an und treten als Vorbilder auf. Das ist ein wichtiger Teil des Konzepts. Dave Mason ist seit vielen Jahren in dieser Mission unterwegs, wird im Januar in Holland Vorträge zum Thema »Sozialer Zirkus in Krisengebieten« halten. Das Projekt finanziert sich ausschließlich aus Spenden.

 

Sieg bei Südasien-Meisterschaft

Obwohl sie erst 14 Jahre jung ist, gilt Nachwuchsartistin Rabia aufgrund ihres Könnens schon als kleiner Star in ihrem Heimatland. 2012 trat die Gymnasiastin dem Zirkus-Projekt in Kabul bei und machte unter ihrem 39-jährigen Trainer Khalilullah Habibi, der sie nach Deutschland begleitet, rasch Fortschritte, besonders im Jonglieren. 2015 wurde sie zum Kinder-Zirkus Festival »Circomondo« im italienischen Siena eingeladen, 2017 gewann sie bei den Meisterschaften der IJA (International Jugglers Association), der internationalen Vereinigung der Jongleure, für den Bereich Südasien die Goldmedaille.

Trainer Habibi, der das Projekt in Kabul mit aufgebaut hat: »Seit bekannt wurde, dass es die Möglichkeit dieses Auftritts in Bad Nauheim geben könnte, hat Rabia noch mehr trainiert. Natürlich ist sie wahnsinnig aufgeregt, inmitten solcher Stars und vor diesem Publikum aufzutreten.« Das Publikum in Bad Nauheim ist für seine Begeisterungsfähigkeit bekannt – seine Herzen dürften Rabia zufliegen.

Restkarten fürs Neujahrs-Varieté gibt es unter der Rufnummer 0 60 31/68 48 11 13 oder im Internet unter www.adticket.de.

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