09. April 2018, 20:18 Uhr

Klänge aus dem Schneckenhaus

09. April 2018, 20:18 Uhr
Schreiben als Befreiung: »Nach dem Sturm« heißt eines der Bücher von Autorin Maryanne Becker. (Foto: lod)

Plötzlich war es still: Sie hörte nichts mehr. Maryanne Becker ertaubte 1997 auf einer USA-Reise. Geholfen hat der Autorin ein Cochlear-Implantat. Das Cochlea Implantat (CI) ist eine Innenohrprothese, die operativ in das Innenohr eingesetzt wird. Es ermöglicht tauben, ertaubten und hochgradig schwerhörigen Menschen wieder zu hören oder hören zu lernen. Ihre Erfahrungen und die anderer Betroffener sind im Buch »Klänge aus dem Schneckenhaus« zu lesen. Aus gleich zwei ihrer zahlreichen Bücher las die Berliner Schriftstellerin Becker am Samstag im Cochlea-Implantat-Centrum Rhein-Main im Grünen Weg 9. Die Initiatoren des »CI-Café« hatten die Schriftstellerin zu einer Lesung eingeladen.

Maryanne Becker ist Soziologin, Audio-Therapeutin und Schriftstellerin. Sie schreibt Krimis und historische Romane ebenso wie Sachbücher. Zum letzten Genre gehören »Nach dem Sturm«, in dem Nachkriegskinder über ihre Kindheit und Jugend berichten sowie »Klänge aus dem Schneckenhaus« mit Erfahrungsberichten von CI-transplantierten Menschen.

»Beide Bücher verbindet mein Vorgehen. Die Interviewpartner haben frei erzählt«, sagte Becker, die betont, dass sie keine Wertung der einzelnen Geschichten vorgenommen hat: »Das, was erzählt wurde, blieb stehen. Viele fühlten sich nach den Interviews wie befreit.«

Schläge in der Schule

So auch das einstige Flüchtlingskind Anne, das im Buch »Nach dem Sturm – Die Hypothek der Friedenskinder« über ihre schwierige Kindheit und Jugend in einer katholisch geprägten Familie mit einem dominanten, äußerst strengen Vater.

Während sich dieser als Lehrer und Rektor soziale Kontakte aufbaute, fehlten diese der Mutter und den fünf Kindern völlig. Dazu war die Tatsache, ein Flüchtlingskind zu sein »ein Makel«, sagt Anne.

Obwohl sie später die höhere Schule besuchte, musste sie viel im Haushalt helfen und den Hühnerstall säubern. »Ich habe das gehasst«, sagt Anne, die immer wieder der Willkür ihres Vaters ausgesetzt war. »Erwachsen werden empfand ich nicht als sehr verlockend«, meint sie, die später in ehrenamtliche Tätigkeiten »flüchtete« und im sozialen Bereich tätig wurde.

Ihr Fazit: »Alles in allem kann man sagen, dass ich heute mit meiner Kindheit versöhnt bin.« Das ist auch Rainer – Jahrgang 1953 – aus dem Ruhrgebiet, der mit sieben Monaten nach einer Meningitiserkrankung sein Gehör weitgehend verlor.

In der Schule wurde er auch von den Lehrern geschlagen. »Ich dachte, das mit den Schlägen hört nie auf«, sagt Rainer, der nach einem Hörsturz mit Tinnitus 1998 das erste CI erhielt. »Die Vorstellung, dass in meinem Kopf gebohrt wird, machte mir schon Angst«, erzählt Rainer, der humorvoll seine ersten Hörversuche mit CI schildert: »Nach so vielen Jahren wieder hohe Töne zu hören, das ging an die Schmerzgrenze. Doch ich konnte nun wieder Tagesschau und Lindenstraße sehen und hören.« Sein Leben hat sich mit dem CI total verändert, so Rainer. »Mich hat die Geschichte berührt, auch ich wurde in der Schule geschlagen«, meinte eine Zuhörerin. Der Lesung folgte ein langer Erfahrungsaustausch mit vielen Lebensgeschichten, so wie die von Ingrid Kratz: »Annes Geschichte erinnert mich an meine Kindheit. Ich habe ähnliches erlebt.«

Kurz stellte Becker noch ihren Roman »Die Baumwollfarmerin« vor. Es ist dies die erfundene Geschichte vor einem historischen Hintergrund, in der die 15-jährige Perla Rosenzweig 1875 in die USA auswandert, Menschenhändlern in die Hände fällt, zur Prostitution gezwungen wird und es doch bis zur Besitzerin einer Baumwollfarm schafft.

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