09. Mai 2017, 20:26 Uhr

»Kindergarten« macht Nachrichten

09. Mai 2017, 20:26 Uhr
Im Speisesaal des Hotels Tielemann wird die Gründungsurkunde für die Deutsche Nachrichtenagentur unterzeichnet. (Fotos: Stadtarchiv Bad Nauheim)

. Direkt nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurden in Bad Nauheim die technischen, administrativen und personellen Voraussetzungen für die Gründung der Deutschen Allgemeinen Nachrichten-Agentur (DANA) geschaffen. Die journalistische Arbeit konnte beginnen.

Es darf nicht verschwiegen werden, dass die großen Worte von Demokratie und Freiheit zunächst nicht auf die Presse zutrafen. Sie wurde zensiert. Während der Zeit der DANA wurden alle Berichte vor der Veröffentlichung geprüft. Wenn den Offizieren der Information Control Division (ICD) etwas nicht genehm war, wurde es korrigiert oder gestrichen. Ab 1946 wurden die Artikel immerhin erst nach dem Erscheinen geprüft und möglicherweise gerügt, wenn den Besatzern etwas nicht passte. Diese Zensur fiel erst weg, als 1949 der Lizenzzwang aufgehoben wurde.

Inzwischen hatte sich die DANA in Bad Nauheim etabliert. Unbelastete junge Leute wurden zu Journalisten ausgebildet, viele Bad Nauheimer fanden hier Arbeit. Bald übertraf die Zahl der deutschen Mitarbeiter die der Amerikaner. Zitat aus dem dpa-Archiv: »Vom 29. Juni 1945 an hatten US-Journalisten im hessischen Bad Nauheim einen täglich 3000 Wörter umfassenden Nachrichtendienst in englischer Sprache zusammengestellt. Der sogenannte German News Service war Vorläufer der DANA, die im Oktober 1946 zur DENA wurde. Diese hatte damals nur noch 15 amerikanische und immerhin schon 426 deutsche Mitarbeiter. Der ›Bad Nauheimer Kindergarten‹, wie ihn Spötter nannten, war zur ersten Journalistenschule im Nachkriegsdeutschland geworden.«

Ab Mitte Dezember 1945 vereinbarte die DANA ein Austauschabkommen mit den drei größten kommerziellen amerikanischen Agenturen Associated Press (AP), United Press (UP) und dem International News Service (INS). Die DANA versorgte alle lizensierten Zeitungen der US-Besatzungszone mit Informationen, nicht nur in Deutschland, sondern auch in Österreich, außerdem Zonenagenturen der Sowjets, Briten und Franzosen, der Enklave Bremen sowie sechs Radiostationen in Deutschland und Österreich. Ein Netz von Außenstellen der DANA war in allen größeren Städten eingerichtet worden.

Allerdings lief der Informationsfluss nicht reibungslos. Technische, wirtschaftliche, juristische und währungspolitische Probleme erschwerten eine kontinuierliche Zusammenarbeit, die Verträge mit UP und AP wurden gekündigt, die Information Control Division verdächtigte den INS der Falschmeldungen. Zudem befürchtete die ICD, dass durch ausländische Agenturen Nachrichten verbreitet würden, die in Deutschland noch nicht erwünscht waren. Die ausländischen Agenturen sahen in der DENA eine Konkurrenz und versuchten, teilweise am Rande der Legalität, mit deutschen Verlegern ins Geschäft zu kommen. Kurzum, es war ein ständiger Wechsel, zeitweise erhielt die DANA die Weltnachrichten nur von der englischen Agentur Reuters und der französischen Agence France Press (AFP). Wegen der immer noch unzulänglichen Sendemöglichkeiten wurden Nachrichten häufig als Druckversion von Kurieren zum Empfänger gebracht.

Wie aus dem internen Schriftverkehr der amerikanischen Dienststellen hervorgeht, wurde lange und kontrovers darüber beraten, wann man den Deutschen die Leitung der Agentur übergeben könne. Am 1. Oktober 1946 war es so weit. Im Speisesaal des Hotels Tielemann unterzeichnete Brigadegeneral Robert A. McClure die Lizenz mit der Urkunde US/IC/100, die DANA wurde zur DENA, Deutsche Nachrichtenagentur. Am Nachmittag fand im Theatersaal des Kurhauses die Gründungsversammlung der DANA-Genossenschaft statt, um die Übernahme juristisch vorzubereiten.

Erster deutscher Chefredakteur wurde Johannes Haas-Heye, den man mit anderen deutschen Journalisten aus einem englischen Kriegsgefangenenlager geholt hatte. Zum Stab aus Redakteuren, Technikern, Schreibkräften, Telefonisten und anderen Mitarbeitern gehörten auch viele Bad Nauheimer wie Edgar Scholz, Kurt Neidlinger, Susanne von Paczensky, Hans Martin, Käthe Kranefuß und Marianne Fischer, um nur einige zu nennen.

Umbenennung und Umzug

Auch in den anderen Westzonen gründeten sich Nachrichtenagenturen. Nachdem ein umfangreiches Presserecht ausgearbeitet worden war, das heute noch gültig ist, schlossen sich die drei westdeutschen Agenturen zusammen. Am 18. August 1948 gründete federführend für alle Fritz Sänger im Hotel Achtermann in Goslar die Deutsche Presse-Agentur (dpa). Der Hauptsitz wurde nach Hamburg verlegt, wo er sich nach wie vor befindet. Die Lizenzpflicht wurde am 21. September 1949 aufgehoben. Die weiter ausgebaute Erdfunkstelle der DENA zwischen Bad Vilbel und Frankfurt blieb Teil der dpa und bildete eine gute Einnahmequelle. Mit dem Beginn des Satellitenzeitalters wurde der Sender in den 1980er Jahren stillgelegt.

Der DENA-Standort Bad Nauheim wurde nach dem Umzug nach Hamburg aufgelöst, viele Mitarbeiter verloren ihre Arbeit. Einige zogen um nach Bad Godesberg. Diese Kommune wurde der Sitz vieler Medien, nachdem Bonn Bundeshauptstadt geworden war. Die Rolle von Bad Godesberg hätte Bad Nauheim übernommen, wenn man Frankfurt zur Bundeshauptstadt gewählt hätte.

Durch die DENA wurde Bad Nauheim in der ganzen Welt bekannt. Der Name der Stadt findet sich in zahlreichen Archiven, Fachbüchern, Dokumentationen, Biografien und sonstiger Literatur. Letztlich war die DENA Teil einer außerordentlich komplexen Geschichte, der Informationspolitik der Alliierten nach dem Zweiten Weltkrieg.

Außer der DENA gab es in Bad Nauheim eine zweite amerikanische Pressestelle, den Amerikadienst. Ihm ist die nächste Folge der WZ-Serie gewidmet. Gisela Christiansen

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