24. April 2019, 19:48 Uhr

Kassenverwalter schließt Bücher

24. April 2019, 19:48 Uhr
Lothar Reichel mit seinen gesammelten musikalischen Erinnerungen, die er wie seinen großen Schatz hütet. (Foto: prw)

Fast könnte man meinen, die Kreisverwaltung sei in die Jahre gekommen, denn nach und nach verabschieden sich langjährige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Lothar Reichel, oberster Kassenverwalter und Leiter der Fachstelle Zahlungsabwicklung ist einer von ihnen. Nach rund 48 Jahren schließt er sein Kassenbuch und geht in den Ruhestand.

Viele Baustellen hat Lothar Reichel mit seinem Team in den letzten drei Jahrzehnten gemeistert: die Umstellung von der Mark auf den Euro, die Jahrtausendwende mit dem gefürchteten und dann doch ausgebliebenen Chaos, die Umstellung von der Kameralistik auf die Doppelte Buchführung in Konten – im Verwaltungsjargon Doppik – 2014 die Umstellung auf Sepa und dann das dickste Brett, das es zu bohren galt: Der Prüfbericht des Hessischen Rechnungshofs im Rahmen der 143. Vergleichenden Prüfung Haushaltsstruktur 2010: Landkreise. Was sprachlich so trocken daher kommt hatte es in sich. »Da wurde uns praktisch unsere Dummheit bescheinigt«, sagt Lothar Reichel. Der Bericht drückte es zwar gewählter aber nicht minder drastisch aus: desolates Rechnungswesen.

Alles begann am 1. August 1971 mit der Frage von Otto Hartung, Hauptamtsleiter im Büdinger Landratsamt, an Reichels Eltern: »Was macht denn der Lothar nach der Schule?« Der hatte wenig Vorstellungen, aber eine Liebe zu Zahlen und konnte sich eine Verwaltungsausbildung gut vorstellen. Und so begann Lothar Reichel am 1. August 1971 seine Ausbildung beim Landkreis Büdingen, damals noch vor der Gebietsreform, die 1972 aus den beiden Landkreisen Büdingen und Friedberg den Wetteraukreis kreierte.

1976 kam er zum Sozialamt, immer noch in der Außenstelle Büdingen. Eine schöne Zeit und eine befriedigende Arbeit. »Da hatte ich immer wieder auch mit Leuten zu tun, die ich kannte, denen ich helfen konnte. Manche sprachen mich auf der Straße an und erzählten mir, wie es ihnen geht, bedankten sich bei mir für das was ich für sie tun konnte, oder kündigten an, dass sie bald wieder kommen würden. Meinen Ermessensspielraum habe ich genutzt und meine Entscheidungen auch gegenüber dem Vorgesetzten verteidigt.«

Eigene CDs aufgenommen

Aber wer wie Lothar Reichel in der Kernstadt von Büdingen lebt und am Sozialamt arbeitet, ist auch nach Feierabend ein Mensch vom Amt. »Das war auf die Dauer belastend und so ergriff ich die Gelegenheit beim Schopf, als 1986 die Stelle als stellvertretender Kassenleiter in Friedberg frei wurde. Eine Entscheidung, die ich nicht bereut habe. Zahlen machen mir Spaß, in Mathe war ich immer gut gewesen. Und für Zahlen habe ich einfach eine Affinität.« Nach der Fusion von Kreiskasse und Kämmerei übernahm Reichel dann die Leitung der Kreiskasse.

Finanzen und Musik passen nicht zusammen? Keineswegs, wenn man einmal von den Millionen absieht, die Stars aus der Musikszene verdienen. Musik braucht Struktur, denn wer Noten malen und nach ihnen spielen will muss weiter als nur bis drei zählen können. Lothar Reichel macht in seiner Freizeit Musik, und das schon sehr lange. »Mit Dirk Raufeisen, der den Wetterauer Kulturpreis bekam, und Tine Lott habe ich zusammen musiziert, wir haben Aufnahmen gemacht, CDs aufgenommen und auch verkauft. Ich habe Gitarrenunterricht gegeben. Und wenn mich ein Stück begeistert, übe ich so lange bis es sitzt, auch wenn es meiner Frau auf die Nerven geht und sie die Tür zumacht.«

Was nun kommt? »Ich bin noch so in meiner Arbeit drin, dass ich mir darüber noch gar keine Gedanken gemacht habe. Ein paar Wochen wird es schon dauern, bis ich daheim angekommen bin, aber es wird mir sicher was einfallen«, sagt er lachend. Bei fünf Enkeln, der Liebe zur Musik und dem Vorhaus, das repariert werden muss werden die Ideen nicht ausgehen. Und wahrscheinlich wird Lothar Reichel sich einen Wunsch erfüllen: Gibson SG 61. Das ist kein Fußballverein, sondern eine rote, wunderschön geformte E-Gitarre.

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