19. Januar 2019, 11:00 Uhr

Nach 16 Jahren

Kartmann räumt den Chefsessel im Landtag

Wenn der Begriff »erfahrenes Schlachtross« auf einen Politiker der Wetterau zutrifft, dann auf Norbert Kartmann. Karriere machte er in Wiesbaden, wo er jetzt als Landtagspräsident abgelöst wurde.
19. Januar 2019, 11:00 Uhr
Norbert Kartmann gibt die Richtung vor. In seinen 16 Jahren als Landtagspräsident hat der CDU-Mann aus Nieder-Weisel die turbulenten Zeiten der Ära Roland Koch und die Bildung der ersten schwarz-grünen Koalition in einem Flächenland begleitet. (Archivfoto: Nici Merz)

Eigentlich wollte Norbert Kartmann dem neuen Landtag gar nicht mehr angehören. 2013 hatte der Präsident erklärt, fünf Jahre später seinen Sitz räumen und der Jugend eine Chance geben zu wollen. Doch der Butzbacher dachte um, kandidierte erneut und musste sich deftige Kritik von Teilen der Wetterauer CDU beim Nominierungsparteitag im Februar 2018 gefallen lassen. Kartmann war geschockt, was nicht weiter verwunderlich ist, gibt es doch kein CDU-Spitzenamt auf Kreisebene, das er im Lauf seines jahrzehntelangen Engagements nicht ausgefüllt hat.

Vor wenigen Tagen feierte Kartmann seinen 70. Geburtstag, zeigte sich gesund und munter. Offenbar freut er sich auf seine nun endgültig letzte fünfjährige Periode im Landtag. Nach 16 Jahren als Präsident hat er sich allerdings aus der ersten Reihe zurückgezogen.

2003 erstmals gewählt

Am 5. April 2003 war der Christdemokrat erstmals zum Landtagspräsidenten gewählt worden. In vier Wahlperioden hat er alle Höhen und Tiefen des Amtes miterlebt, meisterte auch die turbulenten Zeiten der Ära Roland Koch und die wilden Tage rund um den gescheiterten Versuch von SPD-Spitzenfrau Andrea Ypsilanti, den Ministerpräsidenten-Posten mit Hilfe der Linken zu erobern.

Seinen Wetterauer Wahlkreis vertritt Kartmann mit vierjähriger Unterbrechung seit 1982. Zehn Mal wurde er direkt gewählt. Mit rund 16 Jahren gehört er bundesweit zu den dienstältesten Landtagspräsidenten und ist der am längsten amtierende Präsident in der Geschichte Hessens.

Ein Schwerpunkt Kartmanns, der früher den Beruf des Haupt- und Realschullehrers ausübte, war die politische Bildung. In seiner Amtszeit baute er dieses Angebot aus. Der Landtag bietet zahlreiche Angebote für verschiedene Altersgruppen, die sich einer großen Resonanz erfreuen. Dazu gehört auch der »Kinder-Landtag« für Grundschüler.

»Hessische Verhältnisse« gemeistert

Gleich zu Beginn der Amtszeit Kartmanns standen große Bauprojekte mit dem Abriss des alten und dem Bau des neuen Plenargebäudes bevor, der 2008 abgeschlossen wurde. Kartmann amtierte auch in der Zeit der »hessischen Verhältnisse«, in der die Regierung unter Ministerpräsident Koch nur geschäftsführend im Amt war, bevor es Anfang 2009 zu Neuwahlen und zu einer Neuauflage der CDU/FDP-Koalition kam.

Der Mann aus Nieder-Weisel leitete zudem die Sitzungen des Landtags, als die erste schwarz-grüne Koalition zustande kam – eine nahezu für unmöglich gehaltene Kooperation. Zum Ende seiner Amtszeit wird im Landtag wieder gebaut, das Stadtschloss aufwendig saniert.

Rumänischer Nationalorden

Kartmann hat sich stark in der Europapolitik engagiert. Er war Mitglied des Ausschusses der Regionen und pflegte aufgrund der Herkunft seines Vaters aus Siebenbürgen engen Kontakt zu Rumänien. Für sein großes Engagement für die deutsch-rumänischen Beziehungen wurde Kartmann 2018 vom Staatspräsidenten Klaus Johannis mit dem höchsten Nationalorden »Stern von Rumänien« ausgezeichnet.

Kartmann war als Landtagspräsident zugleich Vorsitzender der Kommission Forschungsvorhaben »Politische und parlamentarische Geschichte des Landes Hessen«. Nach Auskunft der Landtagsverwaltung ist vor allem Kartmanns »umsichtiger Einsatz« bei der Aufarbeitung der »NS-Vergangenheit früherer Abgeordneter des Hessischen Landtags seit 1946« hervorzuheben. Der scheidende Präsident trat immer wieder für die Einrichtung eines Lehrstuhls für hessische Geschichte ein, was 2018 realisiert wurde.

Verwurzelt in Kommunalpolitik

Kartmann ist seit 46 Jahren in der Butzbacher und Wetterauer Politik verwurzelt. Er gehörte mit langer Unterbrechung 25 Jahre dem Parlament Butzbachs und 29 Jahre dem Kreistag an. Vor kurzem wurde er nach 25 Jahren im Ortsbeirat, davon zwei Jahrzehnte als Ortsvorsteher, als Ehrenortsvorsteher seines Heimatdorfs ausgezeichnet.

Seit seinen Jugendjahren ist Kartmann im Vereinsleben von Nieder-Weisel aktiv. Ob Gesang- oder Sportverein, ob Karneval, Turnen oder Fußball – ohne Vereinsleben ging und geht es bei Kartmann nicht. Zurzeit ist er Präsident des Hessischen Turnverbandes, dem mit 600 000 Mitgliedern größten Fachverband im Landessportbund.

 

Info

470 Sitzungen geleitet

Ohne Wehmut, aber mit großer Dankbarkeit werde er den Posten des Landtagspräsidenten räumen. Das hatte Norbert Kartmann in der letzten Sitzung der 19. Legislaturperiode des hessischen Parlaments am 5. Dezember 2018 erklärt. Sage und schreibe 470 Sitzungen hatte er in den 16 Jahren davor hinter sich gebracht. Der Butzbacher betonte in seiner Abschiedsrede besonders die Pflicht zur politischen Neutralität, die dieses Amt mit sich bringe. Sicher habe er den Auftrag, die Funktion nach bestem Wissen und Gewissen auszuüben, nicht immer erfüllt, den einen oder anderen Kollegen habe er durch seine Worte verletzt. Dafür entschuldigte sich Kartmann beim Parlament. Er warnte vor der Ansicht, der Parlamentspräsident übe Macht aus. Wie Kartmann unterstrich, werde die politische Meinung der Bürger nur sehr bedingt durch besonders harte Debatten im Landtag bestimmt. Auch Untersuchungsausschüsse und Skandalisierung trügen nicht besonders dazu bei. »Da ist weniger sicher mehr«, sagte der scheidende Landtagspräsident. (bk)

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