10. Mai 2017, 19:12 Uhr

Premiere im TAF

Kann es wirklich Frieden werden?

Der Traum vom ewigen Frieden ist so alt wie die Menschheit selbst. Wie »Ausbruch des Weltfriedens« gelingen kann, zeigt jetzt das Theater Alte Feurwache in Bad Nauheim.
10. Mai 2017, 19:12 Uhr
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Von Gerhard Kollmer
Lady Theresa (Jaya Bowry) prügelt sich mit Federica (Saskia Färber), die als stellvertretende EU-Komissionspräsidentin für tatenloses Träumen statt effizientes Handeln plädiert. Zumindest in dieser Szene ist der »Ausbruch des Weltfriedens« noch weit entfernt. (Foto: gk)

Der Traum vom ewigen Frieden ist so alt wie die Menschheit selbst. Auch der 1888 geborene und 1962 verstorbene Schweizer Autor Curt Goetz hat diesen Traum zum Thema einer, in seinem Nachlass entdeckten, Komödie mit dem Titel »Ausbruch des Weltfriedens« gemacht. Wer dieses über ein halbes Jahrhundert alte Stück aus Zeiten des Kalten Krieges unverändert auf die Bühne bringen wollte, sähe sich diversen Schwierigkeiten gegenüber. Das bewährte Ensemble von Theater Alte Feuerwache (TAF) riskierte zwar diesen Schritt – jedoch nach einer grundlegenden Aktualisierung der Vorlage durch Hermann Römer.

In seiner Inszenierung unter der Regie von Sandra Meißner (er selbst tritt als Theaterdirektor auf) hatte der etwa 80-minütige Einakter am Samstagabend im Badehaus 2 Premiere. Minutenlanger Applaus ließ keinen Zweifel aufkommen, dass die Zuschauer das Experiment als gelungen ansahen. In der Tat: Obwohl auch die Neufassung den Konversationscharakter von Curt Goetz‹ handlungsarmem Stück beibehielt, kam keine Minute Langeweile auf.

Erdogan und Putin

Ursache dessen waren die spritzigen, zwischen Ignoranz, Arroganz und Zynismus angesiedelten »Dialoge« (in Wahrheit aneinandergereihte Monologe) einer Riege von Politikern, die unschwer als die momentan amtierenden Regierungschefs der EU-Mitgliedsländer sowie Großbritanniens, Russlands und der Türkei zu erkennen waren. Gunnar Bolsinger als Kommissionspräsident Jean Claude (Juncker) gab einen Hohlkopf, der fast nur mit dem Herunterbeten nichtssagender Allgemeinplätze beschäftigt ist. Seine Stellvertreterin Federica (gespielt von Saskia Färber) plädiert fürs tatenlose Träumen statt effizientes Handeln. Dieses unfähige Duo als oberste Repräsentanten der EU: In ihrer Zeichnung wird Römers Bearbeitung rabenschwarz. War Goetz in seiner zahmen Kritik am atomaren Wettrüsten der Supermächte über das Geistreich-Boulevardeske kaum hinausgekommen, so hat sich Römer in seiner Neubearbeitung offenbar ein Vorbild an dessen Landsmann Friedrich Dürrenmatt mit seinen abgründigen »Komödien« genommen.

Aus der Politikerriege, der jedes Verständnis dafür fehlt, was für Europa auf dem Spiel steht, ragen Jaya Bowry als aggressive Lady Theresa, Silas Ludwig als machohafter Recep Tayip und Johannes Böhm als zynischer Kommandant Wladimir heraus. Aber nach einer guten halben Stunde gegenseitigen Ankeifens und Aneinandervorbeiredens bis hin zu Handgreiflichkeiten, tritt Sonja Paulssen als merkwürdig unirdische Wissenschaftlerin »Meyvrouw van Aardappelbotten« auf und scheint die Politikerriege zunehmend in ihren Bann zu ziehen. Sie ergeht sich in Allgemeinplätzen wie »Wenn man das Tun der Menschen verändern will, muss man ihr Denken verändern«. Ihre eigentliche Botschaft ist aber, dass sie eine angebliche Friedensdroge kreiert hat, die demnächst mit dem SAGUWIL (Satellit des guten Willens) in eine Erdumlaufbahn geschossen werden soll, um von dort als befriedender fallout auf eine kriegsbesessene Menschheit herabzurieseln. Der Zuschauer fragt sich: Erreicht die Satire mit dem Auftritt der »Wissenschaftlerin« ihren Höhepunkt oder soll dieser weibliche deus ex machina (von Sonja Paulssen kongenial verkörpert), ein echter Gegenpol zu den schäbigen Politikertypen sein? Wie dem auch sei: Die Rakete mit dem SAGUWIL wird gezündet, die Droge bahnt sich ihren Weg und – wird mit Sicherheit die in sie gesetzten Hoffnungen nicht erfüllen. Wie auch?

Fazit eines unterhaltsamen Theaterabends: Auch Scheintote (d.h. Curt Goetz‹ Komödie) lassen sich wieder zu prallem Leben erwecken. Dies in einer Gemeinschaftsleistung auf hohem schauspielerischen Niveau überzeugend demonstriert zu haben, verdient Beifall und Anerkennung.



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