Wetterau

Kalte-Nahwärme-Pilotprojekt lockt auch Chinesen an

Rieseninteresse – selbst in China – herrscht am Baugebiet Bad Nauheim Süd. Grund ist die Energieversorgung mit Kalter Nahwärme. Es entsteht das größe Kollektorenfeld in Deutschland.
11. März 2019, 09:00 Uhr
Bernd Klühs
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Sieht unscheinbar aus, wird aber eine Vorreiterrolle spielen: Auf diesem Acker neben dem Bauernhof Hartmann entsteht das größte Kollektorenfeld für Kalte Nahwärme in Deutschland. (Fotos: Nici Merz)

Neben dem Bauernhof der Familie Hartmann zwischen Bad Nauheim und Friedberg gräbt sich ein Bagger derzeit drei Meter tief in die Erde. Auf diesem gut 11 000 Quadratmeter großen Gelände wird in den nächsten fünf Monaten das größte Kollektorenfeld Deutschlands für Kalte Nahwärme gebaut. »Es entsteht ein Leuchtturmprojekt für die Wärmewende«, betont Stadtwerke-Geschäftsführer Peter Drausnigg. Eine vollmundige, aber zutreffende Formulierung.

Auf dem Feld der Hartmanns, das nach Abschluss der Tiefbauarbeiten wieder bewirtschaftet wird, werden in einer Tiefe von 1,5 und 3 Metern zwei Schichten von Kunststoffmatten verlegt. Diese Kollektoren sind mit einer Mischung aus Wasser und Frostschutzmittel gefüllt, die der Erde Wärme entzieht. Über Rohrleitungen wird die acht bis zwölf Grad warme Flüssigkeit in Rohrleitungen bis ins 800 Meter entfernte Baugebiet Bad Nauheim Süd transportiert und dort verteilt.

 

Nicht nur heizen, auch kühlen

»Der große Vorteil gegenüber normaler Fernwärme: Auf dem Transport geht keine Wärme verloren, sondern es wird weitere gewonnen«, erläutert Stadtwerke-Projektleiter Sebastian Böck. In den Wohnhäusern sorgt eine Wärmepumpe für eine Erhitzung auf 55 Grad – genug für warmes Wasser und die Fußbodenheizung. Im Sommer kann die Raumtemperatur um sieben Grad heruntergekühlt werden.

»Im Vergleich zur herkömmlichen Energieversorgung wird klimaneutral geheizt«, verweist Drausnigg auf den Umweltaspekt. Denn die Wärmepumpen werden mit Ökostrom betrieben. Vor allem aus Klimaschutzgründen stößt das Projekt auf weltweites Interesse, lockt sogar Gäste aus China an.

»Es gibt etliche Anfragen von Kommunen aus der Region, die über den Einsatz Kalter Nahwärme nachdenken«, berichtet Stadtwerke-Pressesprecherin Annette Wetekam. Projektleiter Böck tritt allerdings auf die Euphoriebremse. Grundvoraussetzung ist es nämlich, eine große unbebaute Fläche für das Kollektorenfeld zur Verfügung zu haben.

 

Problem Bürokratie

Zudem sind Planung und Vorbereitung eine Mammutaufgabe. »Es handelt sich um das größte Projekt, das die Stadtwerke je bewältigt haben. Es ist unheimlich arbeitsintensiv, macht aber auch viel Spaß«, sagt Böck. Allein für die kürzlich erfolgte Genehmigung waren 35 Einzelprüfungen erforderlich. Federführend war das Dezernat Bergaufsicht des Regierungspräsidiums Darmstadt, weil Erdwärme als Bodenschatz gilt. Die Bürokratie macht den Stadtwerken und Fremdfirmen, die in das rund 3,5 Millionen Euro teure Investitionsvorhaben eingebunden sind, schwer zu schaffen.

»Da es ein Pilotprojekt ist, hatten wir uns große Zuschüsse erhofft. Doch das wird wohl nichts«, berichtet Wetekam. Vor Arbeitsbeginn alle Anträge zu stellen sei unheimlich aufwendig. »Die Behörden kennen die Technik teilweise nicht, deshalb hätte das ewig gedauert und uns weit zurückgeworfen«, sagt die Pressesprecherin. Zuschüsse wird es wohl nur für Wärmepumpen geben.

Trotzdem könnten die Stadtwerke den Hauseigentümern einen »absolut marktfähigen Preis« von 14,28 Cent pro Kubikmeter Wärme anbieten, der bis 2025 garantiert werde, sagt Böck. Darin sind Wartung, Reparatur und Wärmepumpen-Miete enthalten. Nach den Worten des Projektleiters herrschte bei den Häuslebauern anfangs eine gewisse Skepsis, dank zahlreicher Gespräche und Infoveranstaltungen seien heute aber alle von dem Konzept überzeugt.

 

Abschluss Ende 2021

In zwei oder drei Wochen wird der erste Bauabschnitt des Neubaugebiets (zwischen Friedhof und Friedberger Straße) komplett für die Kalte Nahwärme erschlossen sein. Die Anbindung des Rohrleitungssystems ans Kollektorenfeld wird etwa in einem halben Jahr erfolgen. Schritt für Schritt werden die Abschnitte zwei und drei erschlossen. Bis Ende 2021 sollen die Arbeiten für die Wärmeversorgung beendet sein.

Gesteuert wird die Kalte Nahwärme von einer Technikzentrale, die ebenfalls neben dem Bauernhof errichtet wird. Weil jedes Wohnhaus einen Glasfaseranschluss hat, werden technische Probleme von der Zentrale in Sekundenbruchteilen erkannt. »Bevor ein Hausbewohner die Störung bemerkt, ist die Meldung bereits bei den Stadtwerken eingegangen«, erläutert Böck.

 

Info

13 Kilometer langes Leitungsnetz

Vor einigen Tagen fiel unweit des Baugebiets Bad Nauheim Süd der Startschuss für den Bau des größten Kalte-Nahwärme-Kollektorenfelds in Deutschland. Eine riesige Menge Erde muss bewegt werden, etwa 35 000 Kubikmeter. Wie das Baugebiet wird auch das Kollektorenfeld, das die Wärme liefert, in drei Abschnitte unterteilt. Zunächst wird die Erde bis zu einer Tiefe von drei Metern abgetragen und zwischengelagert. Dann werden die mit der Wärmeträgerflüssigkeit gefüllten Kollektorenmatten auf zwei Ebenen verteilt (1,5 und 3 Meter tief). Unter dem 11 200 Quadratmeter großen Feld entsteht ein Kollektorennetz mit einer Fläche von gut 22 000 Quadratmetern. Wenn die Kunststoffmatten liegen, wird die Erde wieder aufgetragen, Bauer Hartmann kann seinen Acker wieder bewirtschaften. Das Kollektorenfeld wird per Rohrleitung mit dem rund 800 Meter entfernten Wohngebiet verbunden. Alles zusammengerechnet entsteht ein Leitungssystem mit einer Länge von etwa 13 Kilometern. (bk)

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/wetteraukreis/friedbergbadnauheim/Wetterau-Kalte-Nahwaerme-Pilotprojekt-lockt-auch-Chinesen-an;art472,561790

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