Wetterau

Kälte, Schmutz, Armut: Kleiner Bruder berichtet vom Krieg

1944 musste Philipp Schreitz an die Ostfront. Er kehrte nicht nach Florstadt zurück. Briefe dokumentieren die letzten Tage seines Lebens. Philipps Schwester Katharina bewahrte die Feldpost auf.
13. Mai 2018, 12:00 Uhr
Laura Kaufmann
Hatten Zeit ihres Lebens ein gutes Verhältnis: Die Geschwister Philipp Schreitz und Katharina Steuernagel. Seine Briefe hat sie bis zu ihrem Tod aufbewahrt. (Fotos: lk)

Philipp Schreitz wurde 31 Jahre alt. Am 8. Mai 1944 starb er an der Ostfront. Ein Schock für seine große Schwester Katharina Steuernagel. »Oma Kätha«, wie Raimund Steuernagel aus Ober-Florstadt sie nennt, und Philipp hatten Zeit ihres Lebens ein enges Verhältnis. Seine Briefe bewahrte sie bis zu ihrem Tod 1997 auf. »Sie lagen in der Schublade ganz oben, immer griffbereit«, sagt der 51-Jährige. In ihrer Erinnerung lebte Philipp Schreitz ohnehin fort. »Oma Kätha hat oft von ihm erzählt.«

Steuernagel sagt: »Die Familiengeschichte hat mich immer interessiert.« Er machte sich vor einigen Jahren die Mühe, die schwer leserlichen Briefe zu entziffern. Sie geben einen Einblick in die letzten Tage von Phillip Schreitz. Der Florstädter war 1940 zu den Kraftfahrern nach Bad Hersfeld eingezogen worden, war in Frankreich, Griechenland, Rumänien und zuletzt in Russland im Einsatz. An Ostern 1944 schrieb er: »Bis jetzt ist bei mir alles gut verlaufen. (...) Hier im Mittelabschnitt liegt noch Schnee und es ist noch ein wenig kalt, aber auch hier hat der Frühling bald gesiegt. Was ist das hier für eine arme Gegend. Nun ja, wie es nun in Russland ist.« Und er erkundigt sich nach seinen Lieben: »Hoffentlich habt ihr in der Heimat Ruhe vor dem Tommy (...) Was macht unser Viehbestand? Ist er auch noch in Ordnung?«

 

Glückwünsche zum Muttertag

 

Kurz darauf der nächste Brief: » (...) ich allerdings bin jetzt seitdem ich im März von euch weg bin, ohne jede Nachricht. Dieses tut mir sehr weh.« Später sollte sich herausstellen, dass ein Zahlendreher in der Feldpostnummer Zustellungsprobleme verursacht hatte. Philipp Schreitz informiert Ehefrau, Schwester und Eltern: »Wo ich jetzt bin, halten die Luftangriffe andauernd an (...) wir haben uns jetzt 14 Tage nicht rasieren und waschen können. Da könnt ihr sehen, in welch armer Gegend wird sind. Aber immer Kopf hoch und auf unseren lieben Gott vertrauen.«

Am 5. Mai schreibt er seiner Mutter: »Nun kommt bald der Tag (...) wo ihr lieben Mütter geehrt werden zum Muttertag (...). Meine herzensliebegute Mutter, das ist der höchste und heiligste Tag für dich sowie für andere Mütter, darum übermittele ich (...) Glückwünsche.« Seiner Frau Marie schreibt er, dass er seiner Mutter gerne etwas kaufen würde. »Aber hier gibt es ja nichts, darum bitte ich dich, meine liebe Frau, sehe zu, dass du etwas bekommen kannst.«

 

Auch der große Bruder starb

 

Im Nachlass hat Steuernagel auch die Antwort von »Oma Kätha« auf den Brief ihres Bruders gefunden. Katharina hatte zu diesem Zeitpunkt schon länger nichts vom ältesten Bruder Fritz gehört. Phillip schreibt sie: »Ich mache mir Tag und Nacht Gedanken über Euch, meine Lieben. Heute morgen habe ich mich wieder so tüchtig ausgeweint über unseren lieben Bruder Fritz.« Datiert ist der Brief auf den 15. Mai 1944. Was Katharina Steuernagel nicht wusste: Sowohl ihr kleiner Bruder Phillip als auch ihr großer Bruder Fritz sind zu diesem Zeitpunkt bereits tot.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/wetteraukreis/friedbergbadnauheim/Wetterau-Kaelte-Schmutz-Armut-Kleiner-Bruder-berichtet-vom-Krieg;art472,430333

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