29. Oktober 2018, 20:13 Uhr

Friedberg lässt lesen

Joe Bausch: »Die Opfer kommen immer zu kurz«

Er singt nicht, und er liest nicht: Trotzdem liefert Schauspieler Joe Bausch bei »Friedberg lässt lesen« einen Auftritt ab, den es so bisher noch nicht gab.
29. Oktober 2018, 20:13 Uhr
»Ich mache alles, nur nicht singen«, sagte Schauspieler Joe Bausch und entpuppt sich als hervorragender Redner und Entertainer. (Foto: lod)

Friedberg (har). Alles andere als eine Lesung war die neueste Ausgabe von »Friedberg lässt lesen« am Sonntagabend in der ausverkauften Aula der Augustinerschule. Angekündigt war eine Lesung von Joe Bausch, der, unterstützt von der Band »Bluesdoctor«, aus seinem zweiten Buch »Gangsterblues« lesen sollte.

Das machte der Gefängnisarzt, der als Rechtsmediziner Dr. Joseph Roth im Kölner Tatort bekannt ist, höchstens fünf Minuten, wofür er sich am Ende der zweieinhalbstündigen »Nicht-Lesung« sogar entschuldigte.

Gestört hat das allerdings niemanden, entpuppte sich Bausch doch als hervorragender Redner, Entertainer und Kabarettist, aber auch als vehementer Kämpfer für Gerechtigkeit und für Menschen, »über die man zwar spricht, aber mit denen sich niemand unterhält.«Nur eines kann er nicht, denn »ich mache alles, nur nicht singen, auf keinen Fall«, sagte Bausch, nachdem er nach den ersten beiden fetzigen Bluesstücken der vierköpfigen Gießener Bluesband auf die Bühne kam. Er verbeugte sich vor Hartmut Dietrich (Harp, Gesang), Gitarrist Thomas Geis, Drummer Manfred Jung und Christoph Handrack (Piano, Gesang). »Das ist echter Gangsterblues«, so der Arzt und Schauspieler, nach der Begrüßung durch Friederike Herrmann von der Buchhandlung Bindernagel. Herrmann: »Wir mischen heute Musik zu Friedberg lässt lesen.« Der 65-Jährige, der gerade als Regierungsmedizinaldirektor in der JVA Werl in Ruhestand geht, wollte zunächst eigentlich nur erläutern, warum er Bücher schreibt. Daraus entwickelte sich eine gut halbstündige Betrachtung über seine Tätigkeit im Gefängnis, deren Insassen und die Arbeit der Medien, meist äußerst unterhaltsam, manchmal aber auch sehr ernst und eindringlich.

Er muss antworten aushalten

»In einer Talkshow wurde ich nie das los, was ich sagen wollte« meinte Bausch, der bekannte: »Ich bin freiwillig in den Knast gegangen.« Bei den vielen Besuchen von Kamerateams in der JVA war das nicht anders: »Wir werden Landesvollzugsmedienanstalt genannt«.Das reale Leben im Knast kam dabei zu kurz, denn »die Welt vor der Kamera verändert sich«, so Bausch, der nach 32 Jahren Arbeit im Knast genau weiß, wie sich Täter fühlen. »Leider kommen die Opfer immer zu kurz«, sagte Bausch, der im zweiten Teil sehr ernst von seinen Gesprächen mit den Frauen der Insassen, von denen 35 Prozent Väter sind, erzählte.

»Diese Frauen erzählen ihren Kindern Legenden. Was sie leisten, wird in der Gesellschaft gerne übersehen.« Immer wieder erzählt Bausch Geschichten von Insassen, die auch in seinem Buch vorkommen, wie die von den drei »Gangstern alter Schule«, die nach ihrer Entlassung noch einen Einbruch verüben und wieder bei ihm landen. Eindringlich appelliert Bausch für mehr Resozialisierungsmaßnahmen im Gefängnis: »Wir sollten diese Chance nutzen«. Unzählige Gespräche hat er mit Mördern, Totschlägern und Vergewaltigern geführt und immer wieder nachgefragt. Bausch: »Wenn man Fragen stellt, bekommt man Antworten, die muss man dann auch aushalten können.« Sein Fazit: »Gefängnis ist ein Abbild von dem, was in unserer Gesellschaft nicht funktioniert.« Nicht enden wollte der Beifall für Bausch, aber auch für die Blues-Doktoren. »Was für ein toller Abend«, war da immer wieder zu hören. Auch wenn es alles andere als eine Lesung war.

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