13. November 2018, 05:00 Uhr

9. November 1938

»Jetzt kannst du dich rächen!«

Der Arbeitskreis Jüdisches Leben in Echzell hatte für Donnerstagabend zu einer Gedenkfeier anlässlich des 80. Jahrestages der Reichspogromnacht in die Kirche geladen
13. November 2018, 05:00 Uhr
Leah Frey-Rabine beim Totengebet am Mahnmal.

Gudrun Friedrich, Sprecherin des Arbeitskreises, begrüßte die zahlreich Erschienenen und hob hervor, wie wichtig die Erinnerung an die Folgen von Hass und Unrecht gerade in unserer Zeit ist, in der Nationalismus und Rassismus wieder auf dem Vormarsch sind. »Denn wo wir ausgrenzen, werden wir zu Getriebenen, die sich manipulieren lassen, geht Menschsein verloren.«

Umrahmt von feierlicher Musik von Dr. Ralf Schäfer (Orgel), Birgit Pemsel (Klarinette) und Michael Möbs (Gesang) sowie Psalmen und Gebeten der Pfarrer Wolfgang Kaiser und Joachim Sylla ließen Dr. Jochen Degkwitz und Jürgen Priem die schrecklichen Ereignisse von damals wieder lebendig werden. So zitierte Degkwitz etwa den Zeitzeugen Hermann Heck, der die Pogromnacht im Alter von zwölf Jahren miterlebte und geschockt war von dem, was er sah: Es gab niemanden, der den Wüterichen Einhalt geboten hätte. Jeder wusste, dass das Geschehen von der Obrigkeit gebilligt wurde.«

Priem trug Auszüge wie den folgenden aus dem Urteil des Landgerichts Gießen vom 17. September 1947 vor: »Nachdem die Inneneinrichtung der Synagoge völlig demoliert war, zog die Menge zu dem Haus der jüdischen Bürgerin Rossmann. Während sich die Menschen vor dem Haus stauten, kam der Angeklagte B. hinzu. Es war allgemein bekannt, dass er früher in dem Haus zur Miete gewohnt hatte und dass sich erhebliche Streitigkeiten abgespielt hatten. Daher ertönten aus der Menge Rufe wie: ›Komm her, jetzt kannst Du Dich rächen!‹ Er drang mit mehreren anderen in die Wohnung ein und trat der hochbetagten Frau, die damals bereits in den Achtzigerjahren war, mit dem beschuhten Fuß in das Gesäß.«

Mit dem auf Hebräisch vorgetragenen Totengebet und dem Kaddisch schloss dann die jüdische Kantorin Leah Frey-Rabine die kleine Feier am mit Kerzen erleuchteten Mahnmal für die Opfer der Judenverfolgung in Echzell würdig ab. Am Mahnmal sind die Namen 59 Echzeller jüdischen Glaubens bezeichnet, die den Holocaust nicht überlebt haben. 30 Bronzegestalten stehen für das Auslöschen jüdischen Lebens aus Echzell – für viele Menschen hatte das Ende bereits vor der Deportation begonnen, wie die Schilderungen von Zeitzeugen der Pogromnacht belegten.

Mob verwüstete Haus einer Seniorin

Zwei Tage später hatte der Arbeitskreis zu einem Rundgang durch Echzell auf den Spuren jüdischer Familien im Ort eingeladen. Die Leitung hatte Degkwitz übernommen, der sich nicht nur im Arbeitskreis engagiert, sondern auch Vorsitzender des Heimat- und Geschichtsvereins ist. Er führte die Gruppe zu den Häusern und Gehöften im Ortskern, in denen einst jüdische Familien lebten. Außerdem stellte er eine neue Broschüre vor: »Jüdische Anwesen in Echzell. Ein historischer Rundgang«.

Während des Rundgangs meldete sich auch eine Zeitzeugin zu Wort. Gelegenheiten wie diese, aus erster Hand von den Gräueltaten der Nazis zu hören, wird es nicht mehr oft geben. Zum Haus mit der Nummer 12 in der Lindenstraße wusste die Echzellerin zu berichten, dass sie früher dorthin, zu Sali Wormser, zum Einkaufen geschickt wurde. Auch an Julius und Milli Simon konnte sie sich erinnern. Und vor allem daran, dass sie – »ich war 14« – am 9. November 1938 abends am Horloffufer gestanden und zugesehen hatte, wie der Mob das Haus der Frau Rossmann verwüstete. Ein Nachbar nahm die zitternde Alte dann zu sich, um sie zu schützen. Die Schilderung ihrer älteren Mitbürgerin bewegte die rund 50 Teilnehmer des Rundgangs sehr, offenbarte er doch eine Wahrheit, wie sie sich niemals in reinen Zahlen, Daten und Fakten zeigen kann.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Gedenkfeiern
  • Landgericht Gießen
  • Mahnmale
  • Reichspogromnacht
  • Rossmann
  • Verwüstung
  • Wolfgang Kaiser
  • Echzell
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen