31. Januar 2017, 20:20 Uhr

Jahrhundert im Schnelldurchlauf

. Michael Keller hat mit seinem Vortrag über Friedberg im 20. Jahrhundert die Reihe des Geschichtsvereins aus Anlass des Jubiläums »800 Jahre Friedberg« abgeschlossen. Er würdigte zu Beginn die Leistung des kürzlich verstorbenen Burkhard Steinhauer, der mit seiner einzigartigen Stiftung des Kolonialwarenladens für das Wetterau-Museum die Kaufmannstradition als Sinnbild der aufstrebenden Stadt um 1900 bewahrt hat. Ausgehend von den Biografien der Bürgermeister stellte Keller einschneidende Abschnitte der Stadtgeschichte des vergangenen Jahrhunderts dar. Mit den Materialien des Stadtarchivs, vor allem mit Stadtplänen und Luftbildern, konnte er Siedlungsfortschritte dokumentieren. Kurzbiografien seiner Amtsvorgänger verzeichneten ihre umgesetzten Vorhaben, aber auch Faktoren, die Projekte verhinderten, an erster Stelle die durch die Weltkriege verursachten Brüche.
31. Januar 2017, 20:20 Uhr
Elvis Presley als Motiv beim Faschingszug, das war schon 1959 ein Renner. (Fotos: Schneider/Stadtarchiv)

. Michael Keller hat mit seinem Vortrag über Friedberg im 20. Jahrhundert die Reihe des Geschichtsvereins aus Anlass des Jubiläums »800 Jahre Friedberg« abgeschlossen. Er würdigte zu Beginn die Leistung des kürzlich verstorbenen Burkhard Steinhauer, der mit seiner einzigartigen Stiftung des Kolonialwarenladens für das Wetterau-Museum die Kaufmannstradition als Sinnbild der aufstrebenden Stadt um 1900 bewahrt hat. Ausgehend von den Biografien der Bürgermeister stellte Keller einschneidende Abschnitte der Stadtgeschichte des vergangenen Jahrhunderts dar. Mit den Materialien des Stadtarchivs, vor allem mit Stadtplänen und Luftbildern, konnte er Siedlungsfortschritte dokumentieren. Kurzbiografien seiner Amtsvorgänger verzeichneten ihre umgesetzten Vorhaben, aber auch Faktoren, die Projekte verhinderten, an erster Stelle die durch die Weltkriege verursachten Brüche.

Zu Beginn des Jahrhunderts standen beharrende Kräfte, die statt Industrieansiedlung auf einen Kasernenbau setzten, um die Struktur der Wahlbevölkerung nicht zu verändern, gegen Liberale und das Aufkommen der Sozialdemokratie. Carl Stahl (1902–1916) systematisierte als ehemaliger Baurat die Entwicklung über die Straßenzüge mit bürgerlichen Villen hinaus. Aufgrund einer psychischen Erkrankung infolge des Krieges musste er vorzeitig ausscheiden. Erwerb des Helmholtschen Hofguts, Bürgerhospital, Barbara-Vorstadt, Mainzer-Tor-Anlage mit Blindenanstalt, Bahnunterführung, das Hochhaus Ehrlich auf der Kaiserstraße – Beispiele einer rasanten Entwicklung, die der Erste Weltkrieg stoppte. Die Stiftung des Hallenbads zeigt den unterstützenden Bürgersinn. Die Brauereien, die Lackfabriken Megerle und Roßbach und die Zuckerfabrik stehen für wenig Industrie. Durch den neuen Bahnhof verlor die Altstadt den Anschluss. Ein eigenes Kapitel widmete Keller der Kaserne.

Die unentgeltliche Bereitstellung von Gelände durch die Stadt zahlte sich nicht aus, da sie bis zum Zweiten Weltkrieg so gut wie nie von Militär genutzt wurde und das von den Amerikanern ausgeweitete Gelände, heute in Bundesbesitz, eine Stadtentwicklung im Süden blockierte. Ausdrücklich wies der Bürgermeister auf die Konflikte mit den Amerikanern in der Altstadt hin.

Carl Damm führte als Beigeordneter kommissarisch die Stadt von 1917 bis 1919. Ihm folgte Dr. Ludwig Seyd in schwieriger Zeit. Ursprünglich in der Deutschen Volkspartei, trat er im März 1933 in die NSDAP ein, wechselte aber 1935 aus bisher nicht geklärten Gründen auf einen anderen Verwaltungsposten. Seine Amtszeit bestimmte die Hyperinflation der Weltwirtschaftskrise. Die Eröffnung des Wartbergturms als Wasserreservoir und Ehrenmal machte Friedberg zur Drei-Türme-Stadt. Ab 1933 erfolgten sofort Säuberungen in Politik und Verwaltung und die Boykottmaßnahmen gegen die jüdische Bevölkerung.

 

Das »neue Friedberg« wächst

 

Gemäß dem Führerprinzip wurde 1935 Karl Hermann Vieth, seit 1930 Parteimitglied und bisheriger stellvertretender Kreisleiter, als Bürgermeister eingesetzt. 1943 wurde er zur Wehrmacht einberufen, galt als in Rumänien vermisst und wurde im August 1944 für tot erklärt. Bis Kriegsende übernahm Richard Poppe kommissarisch das Amt. Die Politik der NSDAP in der Stadt verlief nicht einheitlich, wie die Rettung des Judenbades zeigte. Schlimmes Dokument ist die Gestapomeldung vom 17. September 1942 mit der Liste der deportierten Juden. Das Kapitulationsschreiben vom 29. März 1945 steht für das dramatische Geschehen um das Ende des Krieges in der Stadt mit verheerenden Schäden um den Bahnhof und für Fauerbach.

Balduin Vogt für drei Wochen und Anton Heinstadt für ein Jahr waren die ersten, von der amerikanischen Besatzung berufenen Nachkriegsbürgermeister. Sie kämpften mit Versorgungsengpässen und Wohnraumbeschlagnahmung. Bei der Kommunalwahl 1946 siegte Fritz Bebber (SPD). Mit der Adolf-Reichwein-Schule als erstem Schulneubau des Jahrhunderts, mit Wohnsiedlungen wie dem Vertriebenen-Viertel entstand das »neue Friedberg«, das an die Kaserne heranwuchs. Fotos liefern Zeitkolorit: 1959 eine Elvis-Figur auf einem Panzer im Faschingszug, 1960 ein Tag der Streitkräfte auf dem Stadtkirchenplatz.

Karl Raute, »KR«, amtierte von 1966 bis 1975. Auch Landtagsabgeordneter und Vorsitzender des VfB in seiner Glanzzeit, startete er mit Stadtjubiläum, Hessentag, Städteverschwisterung, wofür er die Amtskette als Aushängeschild des Bürgermeisters schaffen ließ. Im Westen entstanden neue Schulgebäude und die Stadthalle als Veranstaltungszentrum, im Laufe von Jahrzehnten wurden Abmachungen aus den Eingemeindungs-Verträgen eingelöst. Die hohe Kosten verursachende Trägerschaft von Krankenhaus, Polytechnikum und Schulen konnte abgegeben werden.

Mit Fotos vom Beginn der eigenen politischen Laufbahn (Kinderplanet, JUZ, Soundgarden) beschloss Bürgermeister Keller seinen Überblick, der vieles nur streifen konnte. Der Vorstand bedankte sich bei allen Vereinsmitgliedern, die die zehn auf das Stadtjubiläum bezogenen Veranstaltungen des Geschichtsvereins und die Vorträge in der Stadtkirche im Rahmen der Sommer-Uni bestritten hatten, und dies durchweg mit großer Besucherresonanz. Lothar Kreuzer

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