05. August 2019, 05:00 Uhr

Ehrenamt

Irmgard Guse ist mit Nadel und Faden im Ausland im Einsatz

Irmgard Guse ist Herrenschneiderin und eigentlich im Ruhestand. Doch ruhiger ist es in ihrem Leben seitdem nicht geworden. Die 64-Jährige reist als Senior-Expertin in die ganze Welt.
05. August 2019, 05:00 Uhr
Für ihren ersten Auftrag ist Irmgard Guse 2017 nach Usbekistan gereist.

Im Regal von Irmgard Guse steht ein Ordner mit der Aufschrift »Was ich im Alter tun möchte«. Neben einer Alpenüberquerung und einem Erwachsenenstudium will die Bad Nauheimerin Englisch lernen und ins Ausland reisen. Die Ideen hat Guse in den vergangenen 48 Jahren gesammelt. So lange hat die Herrenschneiderin in der Bekleidungsbranche gearbeitet. Unter anderem für Hessnatur in Butzbach. Inzwischen ist die 64-jährige im Ruhestand. Zeit, ihre Wünsche zu erfüllen. Das verbindet sie mit einem guten Zweck: Seit 2017 reist Guse für die Organisation Senior-Experten-Service (SES) ehrenamtlich zu Projekten in Entwicklungs- und Schwellenländern, wo sie ihr Wissen weitergibt.

»Meistens geht es darum, die Qualität in der Produktion zu verbessern«, sagt Guse. Also darum, dass das Hemd nicht beult und die Mütze sitzt. Die Expertin hilft auch, Arbeitsschritte effizienter zu machen oder unterstützt bei der Umstellung von Einzel- auf Serienproduktion. »Ich bin beratend tätig«, sagt Guse.

Ihre Einsätze haben die Seniorin schon nach Usbekistan, Zimbabwe, Turkmenistan und Moldavien geführt - »Länder, die ich ohne SES wahrscheinlich nie gesehen hätte.« Aber auch Länder, die tausende Kilometer von Deutschland weg sind und in denen oft kaum jemand Englisch spricht. »Die Verständigung funktioniert dann mit Händen und Füßen«, sagt Guse und lacht. Ihr Englisch sei inzwischen aber schon viel besser geworden.

Zurück zum Handwerk

Angst habe sie bei einem Einsatz noch nie gehabt, auch wenn sie oft alleine unterwegs ist. »Ich fühle mich noch sehr fit, passe aber auch auf mich auf.« Sie vermeide es zum Beispiel, im Dunklen raus zu gehen. »Mir ist es immer wichtig, dass ich Internetzugang habe. So kann ich Kontakt nach Hause halten«, sagt Guse. »Mein Mann, der noch berufstätig ist, steht aber voll hinter mir und bewundert meinen Mut.« In Simbabwe hat er sie besucht.

Die Auslandseinsätze dauern mindestens drei Wochen. Guse kann sich die Aufträge aussuchen und die Reise jederzeit abbrechen. Das kommt für sie aber nicht in Frage. »Wenn ich mich für etwas entscheide, dann ziehe ich es auch durch.« SES kümmert sich um Flüge und eine Unterkunft. Die Reise kostet Guse nichts und sie bekommt ein kleines Taschengeld.

Während ihrer Berufszeit war Guse in zwei Unternehmen für die Technik verantwortlich. Ihre Auslandseinsätzen bringen sie zurück zum Handwerk. »In den ersten Tagen schaue ich mir jeden Arbeitsschritt an - und greife ganz oft selbst zu Schere und Nadel.« Guse zeigt den Näherinnen und Nähern genau, was zu tun ist, und macht sie auf Fehler aufmerksam. »Es macht mir großen Spaß, mein Wissen weiterzugeben und andere zu unterstützen«, sagt sie. »Wenn ich am Ende die Verbesserungen sehe, ist das der schönste Lohn für mich.« Bisher sei sie überall sehr herzlich aufgenommen worden. »Die Näher in Zimbabwe haben mich zum Schluss sogar als Mami bezeichnet, eine unglaubliche Wertschätzung.« Wenn sie nicht im Ausland unterwegs ist, engagiert sich Guse in der Bad Nauheimer Nachbarschaftshilfe.

Mit Herzklopfen im Flieger

Bei ihren Einsätzen ist Guse von morgens bis abends im Betrieb. Das sei teilweise auch anstrengend. Es bleibt aber auch Zeit, das Land und die Kultur kennenzulernen. Oftmals werde sie in das Familienleben des Verantwortlichen integriert. In Usbekistan war das der Dolmetscher, in Zimbabwe der indische Geschäftsführer. »Die Leute sind alle sehr hilfsbereit und geben mir unglaublich viel zurück«, sagt Guse. »Sie laden mich zum Essen ein oder zeigen mir am Wochenende die Sehenswürdigkeiten.« Manchmal sitze sie abends einfach nur auf einer Bank und beobachte die Menschen. Oft werde sie angesprochen. Mit ihren hellen Haaren fällt sie auf. »Wenn ich den Menschen erzähle, dass ich anderen in ihrem Land helfe, ohne Geld dafür zu bekommen, finden sie das immer ganz besonders.«

Die Seniorin war schon acht Mal für SES im Einsatz. Mit jedem Mal können sie sich besser in die neue Situation reinfinden. »Mein erster Auftrag war bei einem Unternehmen, das Hemden herstellt. Die hatte ich noch nie genäht. Also habe ich mir in Deutschland ein paar Muster besorgt. Als ich dann im Flieger saß, hatte ich ordentlich Herzklopfen. Doch es hat geklappt.«

Im November bricht die Seniorin zu ihrem neunten Einsatz auf. Es geht auf eine Farm in Ägypten, wo Babybekleidung hergestellt wird. Sie ist schon gespannt, was sie diesmal erwartet. (Fotos: pv)

Schlagworte in diesem Artikel

  • Ehrenamtliches Engagement
  • Englische Sprache
  • Herzklopfen
  • Ruhestand
  • Bad Nauheim
  • Anna-Luisa Hortien
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 1 + 1: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.