26. Oktober 2019, 18:00 Uhr

Einzelhändler besorgt

Innenstadt: Diebe werden immer dreister

In der Bad Nauheimer Fußgängerzone sind immer häufiger Diebe aktiv. Das berichten Einzelhändler, die von dreisten Tätern sprechen. Ein Beispiel ist das Bekleidungsgeschäft »Lucky Man«.
26. Oktober 2019, 18:00 Uhr
Zweimal innerhalb von fünf Tagen werden die Kleiderständer vor dem Geschäft »Lucky Man« von einem Dieb komplett abgeräumt. Jetzt präsentiert die Inhaberin im Freien nur noch einige Schals. (Foto Nici Merz)

Es ist Dienstag, Markttag, nachmittags ist viel los in der Bad Nauheimer Fußgängerzone. Claudia Horlacher, Inhaberin des Bekleidungsgeschäfts »Lucky Man« (Stresemannstraße 26), steht ungefähr drei Meter von der Eingangstür des Ladens entfernt. Sekunden später sind die zwei Kleiderständer vor dem Haus komplett abgeräumt. Jacken und Sweatshirts, die dort hängen, sollen Kunden zum Stehenbleiben animieren. In diesem Fall fühlt sich ein Dieb, der unerkannt entkommen kann, angesprochen.

Vier Tage später, Samstag, wieder sind etliche Passanten unterwegs. In den Tagen nach der ersten Tat hat die Inhaberin keine Kleiderständer links und rechts vom Eingang platziert. Am Samstag möchte sie wenigstens einige Jacken, Westen und Shirts auf einem Ständer im Freien präsentieren. Gegen 10.45 Uhr wird Claudia Horlacher von einem älteren Herrn mit Hund angesprochen: Sie sei gerade bestohlen worden. Erneut sind alle Kleidungsstücke samt Bügel verschwunden.

Verfolgungsjagd

Die Einzelhändlerin hatte sich wieder im Eingangsbereich aufgehalten, aber nichts mitbekommen. »Wir haben regelmäßig Probleme mit Diebstahl, aber in den letzten Monaten hat es enorm zugenommen. Die Ganoven werden immer dreister«, sagt sie.

Auch an diesem Samstag muss der Täter etlichen Leuten aufgefallen sein, schließlich hetzt er, beladen mit bunten Kleidungsstücken, durch die Fußgängerzone. Claudia Horlacher nimmt die Verfolgung auf, sieht den jungen, südländisch wirkenden Mann mit Bart und Mütze gerade noch rechts in die Alicestraße abbiegen. Wie sich später herausstellt, hat er im Hof eines Restaurants große Tüten geparkt, in die er seine Beute umladen will. Er wird allerdings vom Hausbesitzer beobachtet, setzt seine Flucht fort.

2000-Euro-Schaden

Die Geschäftsfrau folgt ihm bis in die Karlstraße. »Ich habe gesehen, wie er in ein Haus gegangen ist«, berichtet sie. Das Gebäude habe einen »gewissen Ruf«, alleine habe sie es nicht betreten wollen. Claudia Horlacher hat kein Handy dabei. Sie geht zur Synagoge, die von Polizei beobachtet wird. Zwei Wachpolizisten sitzen in einem Auto. »Ihre Reaktion gibt mir zu denken. Sie gaben an, nicht mitkommen zu können, weil sie vor der Synagoge bleiben müssten«, erzählt die Ladeninhaberin. Der Versuch der Beamten, Verstärkung zu rufen, erweist sich laut Horlacher als kompliziert. Zwischenzeitlich meldet sich eine weitere Zeugin.

Nach einigen Minuten beschließt Claudia Horlacher, zurück zum Geschäft zu gehen. Mehrfach ruft sie von dort aus die Polizei in Friedberg an - niemand geht dran. Dann wählt sie die 110, erhält allerdings nur die ihr bereits bekannte Nummer der Polizeidirektion in der Kreisstadt. Irgendwann erreicht sie die Station, wenig später sind Beamte bei ihr. Sie beziffert den Schaden, der an beiden Tagen entstanden ist, auf 2000 Euro. Eine Versicherung gibt es nicht.

Einige Ladeninhaber betroffen

Die Geschäftsfrau berichtet von einigen betroffenen Einzelhändlern. In und vor den Läden wird gestohlen: etwa Bekleidung, Parfüm oder Geld. »Eine Kollegin hat ihre Kasse nur 30 Sekunden unbeobachtet gelassen, um die Hintertür zuzuschließen. Schon waren 400 Euro weg.« Der Betreiber eines Schuhladens stelle meist nur jeweils einen von zwei Schuhen im Freien aus. Damit können Diebe eigentlich nichts anfangen, trotzdem lassen sie die Einzelstücke mitgehen. »Die Händler in der Fußgängerzone machen sich Sorgen, wünschen mehr Polizeipräsenz.«

Claudia Horlacher hat Kontakt mit »Schutzmann vor Ort« Bernd Büthe aufgenommen. Er sei über die Häufung der Vorfälle informiert. Die Einzelhändler gehen von einer Diebesbande aus, die von Ort zu Ort zieht. »Die Täter sind gut organisiert, geschult und unverfroren«, sagt die »Lucky-Man«-Inhaberin. Probleme bereiteten den Geschäftsleuten zudem Drogenabhängige, die verstärkt präsent seien und ebenfalls auf Diebestour gingen. Und es gebe Männer und Frauen, die aktiv bettelten, vor allem ältere Leute ansprächen, aber auch in die Läden kämen. »Es wird immer schlimmer. Wir können nur alle Passanten bitten, mehr Aufmerksamkeit zu zeigen«, appelliert Claudia Horlacher. Einzelhändler fordert sie auf, Diebstähle anzuzeigen, damit die Polizei aktiv werde.

Polizei: Keine organisierte Bande

Die Polizei Friedberg kann laut Pressesprecherin Sylvia Frech derzeit »keine besonderen Auffälligkeiten« bezüglich Ladendiebstählen und Betteleien in Bad Nauheim feststellen. Was möglicherweise daran liegt, dass nach Angaben von »Lucky-Man«-Inhaberin Claudia Horlacher nicht alle Straftaten angezeigt werden. Frech appelliert an alle Opfer, Straftaten zu melden, »auch wenn die Betroffenen zunächst von schlechten Ermittlungschancen ausgehen«. Nach Aussage der Pressesprecherin ist nach polizeilichen Erkenntnissen keine organisierte Diebesbande in der Stadt unterwegs. Betteln sei nicht verboten, gehe jemand aggressiv vor, könne die Polizei einen Platzverweis erteilen.

Zu den Diebstählen bei »Lucky Man« nennt Frech keine Details der Ermittlungen. Nur so viel: Zeugen hätten den Täter, der von Claudia Horlacher verfolgt wurde, unterschiedlich beschrieben. Die Wachpolizisten hätten ihren Posten vor der Synagoge nicht verlassen dürfen, Informationen über den Diebstahl aber sofort weitergegeben. Der Vorwurf mangelnder Polizeipräsenz trifft Frech zufolge nicht zu. Neben dem »Schutzmann vor Ort«, Bernd Büthe, seien regelmäßig Beamte ais Friedberg und Bad Nauheim in der Fußgängerzone unterwegs. »Da die Polizisten teilweise in Zivil unterwegs sind, sind sie für die Bürgerinnen und Bürger nicht immer auf den ersten Bick zu erkennen.«

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