16. August 2018, 19:57 Uhr

»Infrastruktur lockt Landärzte«

In Echzell, Rockenberg, Karben oder Münzenberg gibt es zu wenige Hausärzte. Bad Nauheim und Butzbach sind dagegen überversorgt. Doch was zieht mehr Ärzte aufs Land? Eine Soziologin gibt Antworten.
16. August 2018, 19:57 Uhr

Die hausärztliche Versorgung im Wetteraukreis ist gesichert – zumindest auf dem Papier. Weil Städte wie Bad Nauheim oder Butzbach ein Überangebot an Ärzten hätten, würden auch in unterversorgten Kommunen keine neuen Praxen zugelassen. Das erklärte Jana Groth, Soziologin von der Uni Marburg bei einer Sitzung des Arbeitskreises »Lebensraum Dorf« der LEADER-Regionalentwicklung. In diesem Rahmen erläuterte sie auch, wie Kommunen die Tätigkeit als Landarzt für Anwärter attraktiver machen können.

»Die Allgemeinmedizin hat weiter ein Imageproblem«, stellte Groth fest. In Hessen wollten nur sechs Prozent der Absolventen eines Medizinstudiums als Hausärzte arbeiten. Ein Grund sei wohl auch, dass viele nicht zugleich Arzt und selbstständige Unternehmer sein möchten. Als angestellter Arzt zu arbeiten sei für sie attraktiver. Viele Ärzte, die im Rahmen einer Studie befragt worden seien, wünschten sich die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Hier spiegele sich der hohe Frauenanteil unter den Medizinern wieder. Für sie seien verlässliche Arbeitszeiten und mehr Teilzeit- statt Vollzeitstellen wichtig.

Bad Nauheim oder Butzbach hätten einen Versorgungsgrad mit Hausärzten von mehr als 130 Prozent, Glauburg sogar mehr als 160 Prozent, sagt die Wissenschaftlerin. Echzell, Hirzenhain, Karben oder Münzenberg seien dagegen mit weniger als 60 Prozent unterversorgt. Rockenberg habe sogar nur rund 40 Prozent des berechneten Bedarfs an hausärztlicher Versorgung.

Nicht am Bedarf vorbeiplanen

Um die Ansiedlung von Ärzten zu fördern, sollten Landkreise und Kommunen vor allem in Infrastruktur investieren. Praxisübergaben sollten frühzeitig geplant werden. Viele Nachfolger wünschten sich, zunächst in der Praxis mitzuarbeiten, um Patienten und Abläufe kennenzulernen. Unterstützungsangebote für junge Ärzte könnten ebenso sinnvoll sein wie Werbung für neue Praxismodelle. Auch könnten medizinische Versorgungszentren die Ansiedlung attraktiv machen. Groth warnte jedoch davor, Ärztehäuser ohne Beteiligung der Ärzte und damit möglicherweise am Bedarf vorbei zu planen.

Auf dem Land treffe der wachsende Bedarf an ärztlicher Versorgung bei älteren Menschen zudem auf ein Nachwuchsproblem bei Allgemeinmedizinern, sagte Groh. In weiten Teilen seien ein Drittel der Ärzte älter als 60 Jahre. Der ländliche Raum sei von einem alternden Patientenstamm gleichermaßen wie von alternden Ärzten gekennzeichnet.

Während junge Mediziner nach dem Studium oft in Mittel- oder Großstädten leben wollten, werde in der Familiengründungsphase der ländliche Raum attraktiver. Voraussetzung sei allerdings eine entsprechende Infrastruktur mit Kinderbetreuung, Schulen, Internet- und Mobilfunkversorgung sowie Verkehrsanbindung.

Mit dem Projekt »Landtage in Hessen« möchte die Uni Marburg einen Beitrag zur besseren ärztlichen Versorgung im ländlichen Raum leisten. An sechs Seminartagen im Jahr sollen Vertreter unterversorgter Regionen mit Ärzten in Weiterbildung (ÄiW) vernetzt werden. Derzeit sind die Regionen Waldeck-Frankenberg, der Schwalm-Eder-, der Werra-Meißner-, der Vogelsberg- sowie der Odenwaldkreis für das Projekt ausgewählt. Mit dem Wetteraukreis habe es bereits Gespräche gegeben.

Ärzte wünschen sich für eine Arbeit auf dem Land Gespräche mit Medizinern wie Haus- und Fachärzten oder Vertretern von Krankenhäusern über die Situation vor Ort, wie bisherige Erkenntnisse zeigen. Gespräche mit Vertretern der Lokalpolitik sind ihnen demnach weniger wichtig. Die ÄiW wünschten sich zudem finanzielle Unterstützung bei der Niederlassung oder Praxisübernahme sowie Infos über die Infrastruktur.

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