07. April 2017, 21:05 Uhr

Industriespionage gab’s damals schon

07. April 2017, 21:05 Uhr

Das Deutsche Haus sieht von außen aus wie eine Baustelle, innen läuft der Betrieb ganz normal weiter. Das wusste auch die Altstadtgilde bei ihrem jüngsten Treffen zu schätzen. Hans Stachelroth hatte viele interessante Informationen.

Warum wurden in Bad Nauheim lange Zeit keine Salzbrunnen gegraben, sondern nur oberirdische Salzaustritte genutzt? Stachelroth wusste die Antwort: Die Bad Nauheimer Quellen sind stark kohlendioxidhaltig – Kohlendioxid ist schwerer als Luft, sammelt sich daher in einem Brunnenschacht. In hoher Konzentration ist es ein Atemgift. Wie es im 18. Jahrhundert unter Jakob Sigismund Waitz von Eschen gelang, einen zwölf Meter tiefen Brunnenschacht zu graben, ist heute noch unbekannt. Erschwerend hinzu kam, dass die Usa umgeleitet werden musste und etwa neun Meter des gemauerten Brunnens unter dem Grundwasserniveau lagen. Zu Ehren von Waitz von Eschen wurde der Salzbrunnen Waitz’scher Brunnen genannt; der darauf befindliche Windmühlenturm Waitz’scher Turm (heute am Thermalbad). Die sehr ergiebige Quelle trat erst zurück als die heutigen Sprudel erbohrt wurden.

Ärger über feuchtes Salz

Weiter erzählte Stachelroth von der Geschichte der Salzgewinnung im Mittelalter. Ursprünglich waren in Nauheim die Söder selbstständige Handwerker. Sie mussten Zins oder Pacht an die jeweiligen Herren zahlen, dies geschah durch Geldzahlungen oder Salzlieferungen. Die Söder schlossen sich zu einer Zunft zusammen und gaben sich eine Söderordnung. 1436 bestätigte die Hanauer Obrigkeit erstmals die Nauheimer Söderordnung. Das Recht über die Salzgewinnung war ein Regal, also ein vom König verliehenes Recht. Stachelroth berichtet von einer Verleihung des Salzregals durch Maximilian I. an die Hanauer Grafen. Die Frauen der Söder trugen das Salz und andere Waren in Rückenkörben zum Markt und verkauften es in Butzbach, Friedberg und Frankfurt. Ärger mit Kunden gab es immer wieder, insbesondere, wenn das Salz beim Abmessen noch feucht war und dann nachtrocknete.

Das größte Problem waren die Holzlieferungen. Der Verbrauch an Holz war hoch, da die Nauheimer Sole nur einen geringen Salzgehalt hat. Sie wurde in großen Bleipfannen so lange erhitzt bis das Wasser verdampft war. Die Regeln der Zunft waren streng und starr und führten schließlich zu einem Niedergang der Nauheimer Salzsiederei. Wegen der wirtschaftlichen Bedeutung von Salz brachte die Hanauer Obrigkeit 1579 die »Pfannen« an sich, konnte also auf eigene Rechnung Salz sieden. Aus selbstständigen Handwerkern wurden unselbstständige. Vorteilhaft war allerdings, dass nun modernere Methoden der Salzgewinnung eingesetzt werden konnten. Dazugehörten sogenannte Leckwerke. Mit Schaufeln wurde die Sole gegen Stroh- oder Schilfwände geworfen. Ziel war es, durch Verdunstung den Salzgehalt noch vor dem Sieden zu erhöhen und dadurch den Holzverbrauch zu senken.

Nauheimer Salz in der Schweiz

Unter Waitz von Eschen wurde Nauheim zu einer der modernsten Salinen der Zeit ausgebaut, ein Vorbild für andere. Industriespionage gab es auch damals schon. Lieferverträge für Bauholz und Brennholz wurden mit zahlreichen Orten abgeschlossen, auch mit weit entfernten. Wegen der damaligen Kleinstaaterei mussten zusätzlich noch Genehmigungsverträge mit den verschiedenen Regierungen abgeschlossen werden, um diese Transporte möglich zu machen.

Holz wurde gegen Salz getauscht. Wie wichtig diese Tauschverträge waren, machte Stachelroth mit Ereignissen während der napoleonischen Besatzungszeit deutlich. Damals musste Nauheim die gesamte Salzproduktion an die Franzosen abliefern. Deshalb kaufte man Salz, um die Tauschverträge zu erfüllen. Später, als der Handel einfacher wurde, wurde Nauheimer Salz bis in die Schweiz verkauft.

Nauheim war damals noch sehr klein. Die Saline lag außerhalb der Mauer, im Bereich Kurstraße/Friedenstraße. Es war gewissermaßen ein Ort für sich, was unter anderem auch den Salz- und Holzdiebstahl erschwerte. Die Saline besaß eine Feuerspritze, der Ort Nauheim jedoch nicht. Wegen der schädlichen Abgase war die Lage außerhalb der Mauer auch für die Bevölkerung günstig. Die Verfeuerung von ungepresster Braunkohle aus Dorheim etwa ab dem Jahr 1810 verbesserte des Abgas- und Rußbelastung nicht.

Der bebilderte Vortag von Hans Stachelroth wurde von den Zuhörern mit starkem Beifall belohnt.

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