Wetterau

In die Freiheit hineingeworfen

Sie kennen sich, weil das Schicksal ihre Lebenslinien überkreuzte. Sie heißen Paula, Judith, Brida, Malika und Jorinde. Als Kinder und Jugendliche erlebten sie den Fall der Mauer, und wo vorher Grenzen und Beschränkungen waren, ist nun die Freiheit. Doch Freiheit, müssen sie erkennen, ist nur eine andere Form von Zwang: der Zwang zu wählen. Fünf Frauen, die das Leben beugt, aber keinesfalls bricht. Darum geht es in Daniela Kriens neuem Roman »Die Liebe im Ernstfall«. Am Freitag wird sie das Buch bei »Erlesenes in Bad Nauheim« vorstellen.
16. September 2019, 19:47 Uhr
Redaktion
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Als Kinder und Jugendliche erleben die Protagonistinnen in Daniela Kriens neuem Roman »Die Liebe im Ernstfall« den Fall der Mauer. Die neue Freiheit birgt für die Frauen andere Formen von Zwängen. (Foto: Wolfgang Kumm/dpa)

Sie kennen sich, weil das Schicksal ihre Lebenslinien überkreuzte. Sie heißen Paula, Judith, Brida, Malika und Jorinde. Als Kinder und Jugendliche erlebten sie den Fall der Mauer, und wo vorher Grenzen und Beschränkungen waren, ist nun die Freiheit. Doch Freiheit, müssen sie erkennen, ist nur eine andere Form von Zwang: der Zwang zu wählen. Fünf Frauen, die das Leben beugt, aber keinesfalls bricht. Darum geht es in Daniela Kriens neuem Roman »Die Liebe im Ernstfall«. Am Freitag wird sie das Buch bei »Erlesenes in Bad Nauheim« vorstellen.

Was hat Sie zu diesem Buch inspiriert?

Daniela Krien: Zunächst die Beobachtung und Erfahrung, dass Freiheit, wie wir sie heute kennen, eine enorme Last für den Einzelnen bedeutet. Die Botschaft lautet: Wer scheitert, hat sich nicht genug angestrengt, denn die Möglichkeiten wären da gewesen. Äußere Zwänge können entlastend wirken. Meine Protagonisten jedoch sind alle in die fast unbegrenzte Freiheit hineingeworfen worden und sollen nun Schöpfer ihrer Welten sein. Das führt unweigerlich zu den Konflikten, die im Buch verhandelt werden.

Um was geht es noch?

Krien: Die Frage nach Geschlechterrollen hat mich stark beschäftigt. Wer glaubt, Geschlecht sei nichts als soziale Konstruktion, der unterliegt dem Irrglauben, der Mensch sei ein voraussetzungsloses Wesen, ohne Bindung an das vor ihm Gewesene. Das entspricht keineswegs meinen Beobachtungen. Ich sehe mich durchaus als Feministin, und als solche halte ich die Gleichberechtigung für ein Muss. Das heißt aber nicht, dass Männer und Frauen gleich sind. Sie sind nach meiner Erfahrung ziemlich unterschiedlich. In der Verschiedenheit liegen sowohl Reiz als auch Konfliktpotenzial. Die Figuren in meinem Buch durchleben alle Facetten dieser Unterschiede.

»Die Liebe im Ernstfall« schildert das Lebenskonzept von fünf unterschiedlichen Frauen. Brauchte es eine gewisse Lebenserfahrung, um dieses Buch schreiben zu können?

Krien: Ich denke schon. Vieles beruht ja nicht auf meiner Vorstellungskraft, sondern auf der Wahrnehmung meiner Umwelt und meiner Mitmenschen und eigener Erfahrung, und zwar über viele Jahre hinweg. Mit Anfang zwanzig habe ich fast nichts von dem gewusst, was ich jetzt weiß. Mittlerweile kenne ich Erfolg und Misserfolg, hatte mit vielen wunderbaren und einigen zerstörerischen Menschen zu tun, weiß um das Leben mit Partner und Kindern, ebenso wie um das Leben als alleinerziehende Mutter. Meine Kinder sind dreizehn und vierzehn Jahre alt. Meine jüngere Tochter ist geistig schwerbehindert. Da lernt man schon ein bisschen was über das Leben.

Im Buch gibt es also autobiografische Einflüsse?

Krien: Die gibt es immer. Manchmal ist es eine bestimmte Geisteshaltung, die sich dann in den Aussagen eines Protagonisten widerspiegelt, manchmal etwas sehr Konkretes wie ein Hobby. Reiten zum Beispiel. Wie für meine Figur Judith gibt es auch für mich nichts Schöneres, als zu Pferd in der Natur unterwegs zu sein.

Inwiefern spielt die Wiedervereinigung eine Rolle in der Biografie der Frauen, 30 Jahre nach dem Mauerfall?

Krien: Alle Frauen kommen aus dem Osten. Sie sind in der DDR geboren, haben einen Großteil ihrer Kindheit dort verbracht und sind auch nach dem Mauerfall geblieben, beziehungsweise nur für kurze Zeit weggegangen und dann wiedergekommen. Sie kennen also zwei Systeme und mussten mit einem krassen Bruch in ihrer Biografie umgehen. Sie entstammen einem Land und einer Ideologie, in der Geld nicht das oberste Ziel war, und fanden sich als Jugendliche praktisch über Nacht in einem Land wieder, in dem das Streben nach Kapitalbesitz die Grundlage des Systems bildete. Dabei sind starke, unabhängige und kritische Persönlichkeiten herausgekommen, die die Vorteile des Kapitalismus und des Liberalismus zu schätzen wissen, seine Nachteile aber nicht übersehen.

Der Roman spielt zum Teil in Leipzig, Sie selbst wohnen in Leipzig. Ist es für Sie wichtig, die Schauplätze persönlich zu kennen, und was verbinden Sie mit der Stadt?

Krien: An sich muss ich den Schauplatz nicht kennen. Ich kann ihn imaginieren. Zunächst hatte ich den Ort auch nicht konkret benannt, obwohl bereits klar war, um welche Stadt es sich handelte. Da ich Leipzig aber sehr mag, hatte ich plötzlich das Bedürfnis, die Stadt zu würdigen, indem ich sie namentlich zum Handlungsschauplatz mache. Für mich bietet Leipzig die ideale Mischung aus großstädtischer Anonymität und fast dörflicher Vertrautheit in meinem Wohnviertel. Ich lebe seit 20 Jahren hier und schätze sowohl die vielfältigen kulturellen Angebote als auch die kurzen Wege und die Nähe zur Natur. Von meiner Wohnung aus laufe ich etwa 200 Meter, dann bin ich im Wald. Ich fahre ein paar Kilometer mit dem Fahrrad und bin an einem der zahlreichen Seen. Mir fällt keine andere deutsche Großstadt ein, in der das möglich wäre.

Daniela Krien wird ihrem Roman »Die Liebe im Ernstfall« am Freitag, 20. September, um 19.30 Uhr bei »Erlesenes in Bad Nauheim« im Badehaus 2 vorstellen. Mögliche Restkarten gibt es an der Abendkasse.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/wetteraukreis/friedbergbadnauheim/Wetterau-In-die-Freiheit-hineingeworfen;art472,627802

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