05. November 2019, 18:58 Uhr

In der digitalen Unterwelt

05. November 2019, 18:58 Uhr
Stefan Mey

Auf eine Reise in die Tiefen des Darknets nahm Journalist und Autor Stefan Mey rund 100 Zuhörer mit. Eingeladen zu dem spannenden Vortrag in der Stadthalle über ein hochbrisantes Thema hatten die Wirtschaftsjunioren Wetterau, deren Geschäftsführer Kai Schelberg den Referenten vorstellte. »Das Darknet steckt voller Widersprüche, Gefahren und Chancen. Wir hoffen, dass Stefan Mey Licht ins Dunkel bringt«, betonte er.

Der Mensch werde immer gläserner, keiner könne existieren, ohne dass Daten von ihm im Netz landen, sagte der Autor. Das Darknet sei ein digitaler Ort, der sich mit technologischen Mitteln abschirme und Anonymität bei der Nutzung herstelle. Verbindungsdaten, Standorte und IP-Adressen von Rechnern würden verschleiert, Kommunikationsinhalte verschlüsselt. Zwar werde in der »digitalen Unterwelt« mit verschreibungspflichtigen Medikamenten, Drogen, Waffen oder noch Schlimmerem gehandelt, aber das Darknet sei auch ein Zufluchtsort für Whistleblower oder Oppositionelle. Gerade Whistleblower stünden vor dem Problem, wie sie sicher mit Medien kommunizieren könnten, ohne Spuren zu hinterlassen. Das Darknet biete dafür eine ideale Lösung.

»Mithilfe der Software SecureDrop legen sich Medien eine eigene .onion-Adresse - man spricht vom Zwiebelnavigator - an und richten ein Postfach ein, über das Whistleblower Dokumente hochladen können«, erläuterte der Experte. Alle Darknet-Adressen endeten auf .onion. Als »alternative Zugangstür« werde das Darknet von Zeitungen wie »New York Times«, »Süddeutsche« oder »taz« genutzt. »Ein Darknet lässt sich nicht mit herkömmlichen Internet-Browsern, sondern nur mit einer speziellen Software betreten«, sagte der Referent. Am bekanntesten sei das Darknet auf Basis der Software Tor, für die ein Anonymisierungsbrowser vorhanden sei. Da es dem normalen World Wide Web ähnele, werde es häufig auch »Dark Web« genannt. Das Tor-Projekt habe seinen Sitz in den USA und gelte als »wichtigster Gegenspieler staatlicher Überwachung«. Mitte der 90er Jahre sei Tor an einem Forschungslabor der US-Marine entwickelt worden, noch heute werde es zu 50 Prozent von der US-amerikanischen Regierung finanziert.

Wie im normalen Netz gebe es im Darknet Suchmaschinen. »Die illegale Welt im Darknet scheint seltsam vertraut«, betonte Mey. »Sie erinnert an den klassischen Onlinehandel, wie wir ihn von Amazon oder Zalando kennen. Der Dark Commerce ist der kleine, gerne verschwiegene Bruder des E-Commerce und hat viel von ihm gelernt.« Sowohl in Aufbau als auch in der Funktionsweise glichen die Marktplätze im Darknet ihren legalen Pendants im Internet. Preise würden in Euro oder US-Dollar angegeben, tatsächlich bezahlt werde über verschlüsselte Digitalwährungen wie Bitcoin. Auf Darknet-Märkten herrsche so etwas wie eine Untergrundmoral. Drogen, Medikamente, Falschgeld und mitunter auch Waffen dürften verkauft werden, Dinge wie Kinderpornographie seien dagegen tabu.

»Vieles ist illegal oder bewegt sich im Graubereich«, sagte Mey. So habe der Attentäter von München den Waffenverkäufer im Darknet kennengelernt. Die Polizei stehe diesem Treiben nicht hilflos gegenüber. »Welcome to Video« und »Elysium«, abgeschirmte Foren für Kinderpornographie außerhalb des Darknets, seien von verdeckten Ermittlern aufgedeckt worden.

Auftragskiller nicht im »Angebot«

»Im geschlossenen Facebook werden vermutlich mehr Drogen vertickt als im Darknet«, stellt Mey fest. Ähnlich wie bei Ebay würden Verkäufer auch im Darknet bewertet werden. Anbieter könnten es sich nicht leisten, schlechte Ware zu verkaufen. »Eine solche Kontrolle gibt es in der Offline-Welt nicht. Drogen im Park zu kaufen gleicht eher russischem Roulette.«

Der Experte räumte mit Mythen auf, etwa der Beauftragung eines Auftragskillers im Darknet. »Nachdem, was bekannt ist, sind solche Angebote Fake. Man kann ja schlecht seine Bitcoins für einen nicht erfolgten Mord zurückverlangen oder zur Polizei gehen.« Tor werde von etwa zwei Millionen Menschen weltweit genutzt, 180 000 davon in Deutschland. Allerdings gingen nur drei Prozent wirklich ins Darknet.

»Unterm Strich bin ich froh, dass es das Darknet gibt«, lautete das Fazit des Referenten. Denn es stelle ein Gegenmodell zum komplett überwachenden Internet dar. Allerdings müsse dringend eine funktionierende Selbstregulierung her. Wer mehr über das Darknet erfahren möchte, kann Stefan Meys Buch »Darknet - Waffen, Drogen, Whistleblower. Wie die digitale Unterwelt funktioniert« lesen. (Foto: Zielinski/pv)

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