18. April 2018, 19:05 Uhr

Im Einsatz fürs Obst

Streuobstwiesen sehen natürlich aus, sind aber mit viel Arbeit gepflegte Kulturlandschaften. Bis zu 5000 Tier- und Pflanzenarten bieten sie Heimat, den Menschen Erholungsräume und eine gesunde Obstsortenvielfalt. Beim Streuobstwiesenfest im Bad Nauheimer Goldsteinpark am Samstag wird das gewürdigt.
18. April 2018, 19:05 Uhr
Streuobstwiesen, wie diese bei Bad Nauheim, bieten Tieren und Pflanzen Heimat. (Foto: hau)

Die Sonne lacht vom blauen Himmel. So macht den emsigen Helfern vom NABU Bad Nauheim ihr samstäglicher Arbeitseinsatz auf der Streuobstwiese am Steinweg neben dem Skulpturenpark doppelt Freude. Lucy Hykes-Hesse und Anke Lorych laufen mit Astbergen durchs feuchte Gras, um den gut zwei Meter hohen Astschnitt-Berg zu füttern. Ein Ende ist nicht in Sicht, schiebt NABU-Mitstreiter Mirko Franz seine Leiter doch ständig an weitere Jungbäume, um ihnen mit seiner Astschere zu Leibe zu rücken.

»Ich verfolge das demokratische Schnittprinzip: Oben weg, damit unten was passiert«, erklärt der Baumpfleger augenzwinkernd. Wenn man oben mutig und unten vorsichtig schneide, könne sich das Fundament gut ausbilden, in der Krone gebe es Licht und Luft. Für das Kronengerüst möchte Franz vier Leitäste haben. Um sie in die gewünschte 45-Grad-Neigung zu bringen, werden sie abgespreizt. Eben entfernte Äste schneidet er zurecht und steckt die Spreizhölzer zwischen die späteren Leitäste.

Auch einen riesigen Apfelbaum nimmt er sich vor. Lucy Hykes-Hesse hat in der gewaltigen Krone Misteln entdeckt. Die müssen sofort weg. »Misteln sind aktuell die größte Bedrohung für Obstbäume«, sagt Franz. Seitdem viele Bäume nicht mehr gepflegt würden, könne sich die Schmarotzerpflanze explosionsartig ausbreiten. Vögel übertrügen sie mit den Beeren, in Windeseile bildeten sich Mistel-Leitungsstränge in den Ästen. Im frühen Stadium versuche er, sie auszuschälen, später helfe nur noch das Kappen ganzer Äste.

Allein auf der Streuobstwiese am Steinweg stehen 300 Hochstämme, gut die Hälfte davon haben die Naturschützer neu gepflanzt. Sie legten Wert auf alte, bewährte Apfelsorten wie die hessischen Lokalsorten Heuchelheimer Schneeapfel, Gacksapfel oder Dorheimer Streifling. Auch Birnen, Kirschen, Mirabellen, Pflaumen und Wildobstbäume wachsen hier.

Viel zu tun bei 460 Obstbäumen

Unterdessen hacken Joachim Lorych und Stefan Peuser Baumscheiben für die Jungbäume, damit sie genügend Wasser aufnehmen können. Fürs Wässern der Obstbäume suche man noch eine Lösung. Um überflüssige Triebe an den Stämmen abschneiden zu können, entfernen die Naturschützer vorübergehend die Drahtmanschetten, die die Rinde vor Wildverbiss und vor Weideschafen schützen, die hier bald wieder Einzug halten, um das »Untergeschoss« im Streuobstwiesensystem sauber zu halten.

»Streuobstwiesen sind ein lebendiges Kulturerbe, das es zu erhalten gilt«, betont Franz. Nicht von ungefähr würden sie die »Savannen Mitteleuropas« genannt. Bis zu 5000 Tier- und Pflanzenarten böten sie Heimat. »Höhlen in alten Apfelbäumen sind ein idealer Brutplatz für Vögel«, erklärt Franz. Auch Hornissen seien Stammgäste im Totholz, um auf Schädlingsjagd zu gehen. Sogar der Grauspecht sei zurückgekehrt.

»Streuobstwiesen liefern gesundes Obst und bilden ein riesiges Gen-Reservoir für alte, widerstandsfähige Sorten.« Franz zufolge erlebten Obstwiesen ihre Hochzeit zwischen 1700 und 1900, als die Menschen auf die Nutzungsvielfalt angewiesen waren. Eine Renaissance der extensiv genutzten Hochstammwiesen habe erst in den 80er Jahren eingesetzt, gleichwohl verschwänden immer mehr Obstbäume aus den Gärten. Bei 460 Obstbäumen auf insgesamt fünf Streuobstwiesen (vier weitere Wiesen liegen in Nieder-Mörlen) haben die Helfer vom NABU Bad Nauheim das ganze Jahr über alle Hände voll zu tun mit schneiden, pflanzen, wässern, düngen oder ernten. Zu den Aktivitäten der 1989 gegründeten Ortsgruppe gehören auch jährliche Obstbaum-Pflanzaktionen für jedermann, Schnitt- und Pflegekurse, das Streuobstfest im Herbst auf der Wiese am Steinweg oder Streuobst-Radtouren durch die Wetterau wie die am Sonntag, 22. April (Treffpunkt um 11 Uhr am südlichen Sprudelhofeingang).

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