15. Mai 2019, 20:03 Uhr

Ihm liegt die Lyrik am Herzen

15. Mai 2019, 20:03 Uhr
Eva-Maria Anton und André Schönfeld begleiten am Klavier die Lesung des Lyrikers Dr. Burkhard Heussen. (Foto: gk)

Das Ende als Anfang: Fast seherisch, mit halb geschlossenen Augen, stehend mit erhobenen Armen, rezitiert Dr. Burkhard Heussen am Ende seiner knapp 90-minütigen kommentierten Lyriklesung als Zugabe nach dankbarem Applaus der zahlreich erschienenen Hörerschaft Friedrich Hölderlins legendäres Gedicht »An die Parzen« aus dem Jahr 1798. In der Ode heißt es unter anderem: »Doch ist mir einst das Heil’ge, das am Herzen mir liegt, das Gedicht gelungen; willkommen dann, o Stille der Schattenwelt!«

Heussen teilt Hölderlins Hochschätzung des Gedichts in all seinen Formen. Überschattet ist sein Vortrag von der Enttäuschung, ja Trauer über die heutzutage nur noch marginale Bedeutung von Lyrik. Es werde - angefangen vom Literaturunterricht - kaum Poetisches mehr gelesen, besprochen, gelernt, vorgetragen. Gedichte würden, so Heussen, nur noch von einer verschwindenden Minderheit aller Leser rezipiert.

Wir leben in prosaischen Zitaten. Im Unterschied zu Gottfried Benn, für den das lyrische Wort noch »eine körperliche Sache« war, gelte formvollendetes Schreiben (und Sprechen) heute als obsolet.

Was dem Nachmittag in der Bonifatiuskirche seinen besonderen Wert verlieh, war der Auftritt von Dekanatskantorin Eva-Maria Anton und André Schönfeld mit Werken für Klavier zu vier Händen. Gleich zu Beginn erklang Franz Schuberts bedeutendste Komposition dieses Genres - der 1. Satz (allegro moderato) aus dem sog. »Grand Duo« C-Dur, op. posth. 140. Bereits hier wird der geradezu sinfonische Charakter des Werks überdeutlich.

Dr. Heussens Sympathien gehören - zumindest an diesem Nachmittag - neben Hölderlin vor allem Gottfried Benn, von dem er drei Titel vorträgt. Substanzielle, formvollendete Lyrik wird auch der Begabte nur schreiben können, wenn er sich der Hektik des Alltags entziehen kann, um im Abseits als sicherem Ort zur Besinnung zu kommen.

Vier Hände am Klavier

Nachdem Chopins »Préambule« und die reizvoll-exotische »Idylle arabe«, op. 55, Nr. 3 der bis heute verkannten, 1857 im Paris der Belle Epoque geborenen Komponistin Cécile Chaminade verklungen waren, stellte Dr. Heussen drei selbst verfasste Poeme vor - die in manchem den »Geist« Gottfried Benns atmen. »Sommer am See«, »Herbst«, »Vor einem Krankenhaus«: scheinbar reine Gelegenheitsgedichte, weitet sich der Blick des Autors doch, den schlichten Anlass übersteigend, ins Grundsätzliche.

Letzter musikalischer Höhepunkt war der Vortrag einer Klavierbearbeitung von Felix Mendelssohns 3. Satz (Andante con moto) aus seinem Streichquartett op. 44, Nr. 2. Ein glücklicher Einfall: Der Rezitator bedankt sich bei den Pianisten mit Else Lasker-Schülers um 1936 im Schweizer Exil geschriebenen Gedicht »Mein Blaues Klavier«. Eine Zeile daraus lautet: »Es spielen Sternenhände vier«.

Neben modernen Gedichten von Kurt Drawert, Christa Reinig und Peter Rühmkorf hatte der Vortragende noch Hölderlins »Hälfte des Lebens« und Goethes vielzitiertes »Über allen Gipfeln ist Ruh’« im Gepäck.

Also wozu heute noch Gedichte? Lyrik schreibt an gegen Tod und Vergessen, gegen die Herrschaft des sprachlosen universellen Geschwätzes, will die Zeit im »ewigen Augenblick« anhalten, dem Chaos bleibende Form geben. Das sollte genügen, um ihr einen festen Platz im literarischen Kosmos zu sichern.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Belle Epoque
  • C-Dur
  • Christa Reinig
  • Cécile Chaminade
  • Else Lasker-Schüler
  • Flügel und Klaviere
  • Franz Schubert
  • Friedrich Hölderlin
  • Gedichte
  • Gottfried Benn
  • Johann Wolfgang von Goethe
  • Kurt Drawert
  • Lyrik
  • Oden
  • Peter Rühmkorf
  • Rezitatoren
  • Sinfonien
  • Streichquartette
  • Vorträge
  • Bad Nauheim
  • Gerhard Kollmer
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos