09. Juni 2017, 19:04 Uhr

»Ich wollte sie selbst verbrennen«

09. Juni 2017, 19:04 Uhr
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Von Hedwig Rohde
»Die Gewaltigen«: So hat Künstlerin Barbara Wilhelmi ihre Installation genannt. Verkohlte Balken als schaurige Details sollen die Grausamkeit der »Bestrafung« verdeutlichen. (Fotos: doe)

Luther, der Reformator, der Übersetzer der Bibel, der Begründer einer einheitlichen deutschen Schriftsprache. Aber auch: Luther, der Feind der Juden und der Hexen. Die evangelische Kirche in Hessen und Nassau wolle im 500. Jahr der Reformation diese dunklen Seiten des Reformators nicht verschweigen, sondern sich mit diesen auseinandersetzen, erläuterte Pfarrerin Susanne Domnick anlässlich der offiziellen Eröffnung einer im ersten Augenblick ebenso rätselhaften wie düsteren Installation der Bad Nauheimer Pfarrerin Barbara Wilhelmi in der Friedberger Stadtkirche. Dort wird das Werk noch bis einschließlich 25. Juni zu sehen sein.

Schon seit vielen Jahren ist Barbara Wilhelmi künstlerisch tätig, fertigt Gemälde und Grafiken, aber auch dreidimensionale Werke. Bereits vor sechs Jahren hatte sie sich des Themas der Hexenverfolgung angenommen und dabei Bezug genommen auf einen Holzschnitt von Lucas Cranach d. J., der vier an Pfählen gebundene, verbrannte Körper zeigt. Cranachs Vater Lucas Cranach d. Ä. war 1540, in einem Jahr extremer Dürre, Bürgermeister von Wittenberg, dem Sitz des Kurfürsten von Sachsen. Die große Trockenheit hatte Ernteausfälle, soziale Not und viel Unruhe in der Stadt zur Folge. Bei der Suche nach »Schuldigen« für Dürre und Hungersnot stieß man auf Prista Frühbottin und ihre Familie, die gemeinsam eine Abdeckerei in Wittenberg betrieben und – da die verhungerten Tiere zu ihnen gebracht wurden – von der Situation angeblich profitierten. Prista Frühbottin und drei Verwandte wurde vorgeworfen, das Wetter beeinflusst und die Weiden vergiftet zu haben; sie wurden an Pfähle gebunden verbrannt und – eine weitere Sühne – ihre toten Körper zum vollständigen Vertrocknen der Sonne ausgesetzt.

Martin Luther, der 1517 mit dem Thesenanschlag an der Kirche von Wittenberg die Reformation mit anschließender Spaltung der christlichen Kirche ausgelöst hat, war zum Zeitpunkt dieser Hexenverfolgung offenbar nicht in Wittenberg, aber Wilhelmi hat mehrere von Luther schriftlich überlieferte Zitate, die seinen Hexenglauben ebenso wie seine Billigung ihrer Verbrennung deutlich bezeugen: »Mit denselben soll man keine Barmherzigkeit haben; ich wollte sie selbst verbrennen«, notierte ein Protokollant seiner berühmten Tischreden am 25. August 1538.

Der Titel der Kunstinstallation bezieht sich auf ein Zitat des Römerbriefes, wonach »die Gewaltigen und Oberkeiten« Gottes Wille verkörperten und alles, was sie anordneten, richtig sei. »Bis heute hat mich entsetzt, wozu ›die Gewaltigen‹ tatsächlich fähig waren«, gestand Barbara Wilhelmi bei der Vorstellung ihrer Installation. Und: Auch die diesbezüglichen Äußerungen Luthers seien »erschreckend«, meint Wilhelmi und trifft damit auch den Nerv ihrer überwiegend weiblichen Zuhörer. Die von ihr initiierte Auseinandersetzung mit dieser dunklen Seite Luthers ist notwendig – und schwierig.

Nach der Eröffnung geht es weiter: Am Samstag, 10. Juni, wird um 17 Uhr eine Performance der Künstlerin mit dem Kunstwerk veranstaltet; es werden auch historische Hintergründe in einem Kurzvortrag vermittelt. Im Gottesdienst am Sonntag, 11. Juni, um 10 Uhr wird in der Predigt und im Gespräch mit der Künstlerin erneut das Thema aufgenommen. Die Ausstellung ist noch bis Sonntag, 25. Juni, zu sehen.



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