30. Oktober 2019, 20:01 Uhr

»Ich wandre durch Theresienstadt«

30. Oktober 2019, 20:01 Uhr
Klaus-Lothar Peters am Klavier und Atischeh Braun dokumentieren Zeugnisse voller Menschlichkeit. (Foto: gk)

»Im nordböhmischen Theresienstadt wurde von der SS 1941 bis 1945 ein jüdisches Getto mit Doppelfunktion unterhalten: Es war Durchgangsstation für 88 000 Juden auf dem Weg in die Vernichtungslager und zugleich Sonderlager mit jüdischer Selbstverwaltung, das ausländischen Besuchern vorgeführt wurde, um diese über die NS-Judenpolitik zu täuschen. In Theresienstadt starben 33 000 Menschen.« Was lakonisch im Kleinen Brockhaus steht, brachte die deutsch-jüdische, in der Tschechoslowakei lebende Autorin Inge Weber in einer Reihe von Texten, Briefen, Gedichten zur Sprache.

Erschüttert angesichts der Unfasslichkeit des von Deutschen im Namen einer absurd-brutalen Ideologie begangenen millionenfachen Mordes an Juden und allen, die von den braunen Henkern als Feinde des »Deutschtums« stigmatisiert wurden, bleibt der Hörer nach der Begegnung mit diesem literarischen Vermächtnis Ilse Webers, die gemeinsam mit ihrem Mann und jüngeren Sohn 1944 im Vernichtungslager Auschwitz ins Gas geschickt wurde, zurück.

Zynismus und Verzweiflung

Die weit mehr als rein dokumentarischen Zeugnisse tiefer Menschlichkeit, des durch nichts zu erschütternden Glaubens an das Gute im Menschen hörbar werden lassen: Dazu gehört Mut. Das Trio Klaus-Lothar Peters am Klavier, Atischeh Braun und Helmut Büchel hat ihn bei seiner Lesung im Badehaus 2 im Rahmen der Kabinettstück-Reihe des TAF bewiesen. Und wurde mit minutenlangem Applaus dafür bedankt.

Selbstmitleid, Angst, Verzweiflung, Zynismus, Hass auf die Unterdrücker: Man sucht sie vergebens in Ilse Webers wunderbaren, überwiegend für Kinder geschriebenen Gedichten und in den an ihren geliebten älteren Sohn Hanus gerichteten Briefen, der noch rechtzeitig ins Ausland in Sicherheit gebracht werden konnte. Noch nicht einmal Verachtung für die Henker hat die 1941 nach Theresienstadt Deportierte übrig. In diesem »Vorzeigelager« (über das der NS-Propagandafilm »Der Führer schenkt den Juden eine Stadt« gedreht wurde) arbeitet sie in der Kinderkrankenstube und versucht denen, die mehr noch als die Erwachsenen dem ihnen angetanen Unrecht hilflos gegenüberstehen, Mut zu machen.

»Ich kann tanzen, doch ich singe nicht«: Klaus-Lothar Peters beeindruckt am Piano mit zahlreichen melancholischen Liedern wie diesem. Atischeh Braun tanzt und singt trotzdem. Es ist, als sei Ilse Weber in ihr auferstanden von den Toten, um zu erinnern, zu mahnen - fern jedem Pathos. Helmut Büchel scheint, im Gegensatz zum oben Genannten, für Zynismus und kalte Verzweiflung zuständig zu sein.

Deportation in die Hölle

Zum Beispiel durch den mehrfach wiederholten makabren Reim »Ri-Ra-Rutsch, wir fahren mit der Leichenkutsch« oder das Erzählen jüdischer Witze, die auch Nazis nach dem dritten Glas Bier schenkelklopfend erzählt haben könnten. Aber es ist nicht so. Der scheinbare Zynismus schützt vor dem seelischen Zusammenbruch angesichts der tiefsten Erniedrigung, die Menschen angetan werden kann.

»Der Judenstern - wir tragen ihn gern«; »Wir dürfen den Glauben an uns nicht verlieren«, schreibt Ilse Weber kurz vor der Deportation ihres Mannes in die Hölle. Sie wird ihn, zusammen mit dem zweiten Sohn, dorthin begleiten und den Märtyrertod finden. Wenn dieses Wort überhaupt noch einen Sinn haben soll, dann hier.

Nach einer großartigen, 70-minütigen Gemeinschaftsleistung des Trios Klaus-Lothar Peters, Atischeh Braun und Helmut Büchel bleibt - frei nach Kafka, dessen drei Schwestern ebenfalls in Auschwitz ermordet wurden - die Frage, ob uns die Scham überleben wird - angesichts einer Vergangenheit, die nicht, niemals vergeht. Das wohl nicht. Aber erinnerndes Eingedenken, dessen erste Bedingung das Wissen um die verübten Verbrechen und ihre Ursachen ist, ist den Nachgeborenen aufgegeben für alle Zeit.

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