27. März 2019, 19:02 Uhr

»Ich kann nicht ohne Holocaust«

27. März 2019, 19:02 Uhr
Adriana Altaras hat für Steven Spielbergs Projekt Shoah Foundation als Interviewerin gearbeitet. (Fotos: lod)

So einen Auftakt hatten die Besucher bei »Friedberg lässt lesen« sicher noch nicht erlebt. Punkt 20 Uhr stürmt Adriana Altaras blitzschnell auf die Bühne im voll besetzten Bibliothekszentrum Klosterbau, so, dass der Beifall erst einsetzt, als die Schauspielerin, Regisseurin und Autorin schon Platz genommen hat. Selbst Bettina Semmerau, Leiterin des Bibliothekszentrums, konnte kaum folgen.

»Ich habe oben Psychologie gelesen. Hier wird gesessen bis ich das letzte Stück gelesen habe«, meint die 1960 als Tochter jüdischer Partisanen im heutigen Kroatien geborene Wahl-Berlinerin, die sich als »Chronistin meiner Zeit« bezeichnet.

In ihren bisher vier Büchern spielt denn auch die Geschichte der Juden in Deutschland eine große Rolle. »Ich kann nicht ohne Holocaust schreiben«, sagt Altaras. Doch das geht bei ihr nicht ohne Humor, so auch in ihrem im letzten Jahr erschienen Buch »Die jüdische Souffleuse«.

Sie verknüpft die tragische Familiengeschichte der Souffleuse Susanne, die Sissele genannt wird, mit ihrer Lieblingsbeschäftigung, der Inszenierung von Opern. Da die Autorin in »Ich-Form« schreibt und die Erzählerin auch noch Adriana heißt, werde sie immer wieder gefragt, ob denn die Geschichte wahr sei.

Das kann sie im Fall ihrer Hauptfigur bejahen, sagt Altaras, die die Besucher zwischen dem Lesen der Textpassagen immer wieder auffordert, Fragen zu stellen. Da dies zunächst nicht der Fall ist, stellt sie Fragen selbst und beantwortet sie auch gleich. Warum sie denn immer über den Holocaust schreibe, werde sie oft gefragt, erzählt Altaras und gibt einmal mehr die Antwort »Ich kann nicht ohne Holocaust«. Jedoch versuche sie, die oft unerträglichen Geschichten in einem anderen Zusammenhang zu bringen.

Wie in ihrem aktuellen Buch, in dem sie mit viel Humor den Alltag an deutschen Bühnen beschreibt. »Menschen, die im Theater arbeiten, sind mit dem Theater verheiratet. Eine Finanzfachfrau würde das vom Finanzamt sicher nicht sagen«, meint die Autorin über ihre »dritte Familie«, wie sie die Theaterbühne bezeichnet.

Akribisch beschreibt sie die Macken der Akteure oder des Intendanten, der unentwegt jiddische Witze erzählt. Zunächst wird viel gelacht. Doch das ändert sich schnell. Sissele setzt in Adriana all ihre Hoffnung, doch noch das Schicksal ihrer Familie zu erfahren.

Nach dem Tod ihrer Mutter hat Siselles Vater die Tochter zu einer Pflegefamilie gebracht, abgeholt und woanders wieder abgegeben. Irgendwann verschwand er. Adriana empfindet eine Art »Hassliebe« und so unternehmen die beiden Frauen eine Reise in die Vergangenheit. Sie fahren unter anderem nach Österreich ins ehemalige KZ Mauthausen sowie nach Bad Arolsen. Hier finden sie im Archiv des Internationalen Suchdienstes Hinweise auf den Vater, der in Auschwitz im Sonderkommando war, einem Arbeitskommando jüdischer Häftlinge, die gezwungen wurden, die Ermordung der Mithäftlinge vorzubereiten und die Leichen dann in den Krematorien zu verbrennen.

»Wer sucht, der kann in den Archiven viel finden«, berichtet Altaras, die für Steven Spielbergs Shoah Foundation als Interviewerin tätig war. Immer wieder unterbricht sie ihre intensive Lesung, die oft einem Monolog auf der Theaterbühne ähnelt, um weiter zu erzählen. Mit einer Hommage an die Bibliotheken aus ihrem vorletzten Buch beendet Altaras ihre Lesung.

Schließlich stellen die Besucher doch noch Fragen, unter anderem fragen sie nach Gießen, da sie die Stadt beiläufig erwähnt hatte. »Meine Eltern haben in Gießen gelebt, ich bin in Marburg zur Schule gegangen, war dort im Walldorf-Internat«, erläutert Altaras.

Sie beschreibt Gießen als Prototyp einer deutschen Stadt: »Bahnhof, Fußgängerzone, Theater und dazwischen das Elefantenklo.« Da war er wieder, der Humor, ohne den Altaras nicht leben und nicht schreiben kann und will.

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