23. Mai 2019, 20:06 Uhr

»Ich habe meine Kindheit in Auschwitz verloren«

23. Mai 2019, 20:06 Uhr
Von ihren Erlebnissen in den KZ-Lagern Auschwitz-Birkenau und Potulice sprechen die ehemaligen Häftlinge Boguslaw Rygiel (l.) und Ludwig Stanislawski (2. v. r.) Daria Schefczyk vom Verein »Zeichen der Hoffnung« (2. v. l.) übersetzt. (Foto: pv)

Auseinandergerissene Familien, dünne Wassersuppe als Mahlzeit und die Allgegenwart eines Todes ohne Würde: Zwei KZ- und Holocaust-Überlebende aus Polen - derzeit auf Einladung des Vereins »Zeichen der Hoffnung« in der Wetterau - berichteten vor rund 100 Schülern der Altenstädter Limesschule authentisch über ihre Geschichte. Obwohl sie gerne vergessen würden, liegt es ihnen am Herzen, der heutigen Generation zu zeigen, wie wichtig Demokratie und Freiheit sind.

Ganz Ohr waren die Jugendlichen der Limesschule, als die Zeitzeugen die grausamen Verbrechen im Dritten Reich lebendig werden ließen. Ludwig Stanislawski (79) berichtete, wie er mit seiner gesamten Familie in das Internierungslager Potulice bei Bromberg deportiert wurde. Die Mutter des damals Vierjährigen wurde anschließend schwer krank und starb ohne Hilfe. Er selbst hat die Geschehnisse als Kleinkind nur unbewusst erlebt und kaum Erinnerungen, vermutlich durch die Traumatisierung. Einige schreckliche Dinge haben sich ihm eingebrannt - »Erinnerungsfetzen«, wie er sagt. Wer im Internet recherchiert, erfährt grausige Details über Potulice, das erst ein Lager für Polen, nach 1945 ein Lager für Deutsche war.

Über die brutale Hölle des braunen Nazi-Terrors berichtete auch Boguslaw Rygiel. Als er 11 Jahre alt war, endete Rygiels bisheriges Leben in Warschau abrupt. Im Viehwaggon verschleppten ihn die Nazis 1944 in das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Unmittelbar nach der Ankunft an der berüchtigten Bahnrampe begann die Selektion.

Verzweifelte Schreie

»Frauen links, Männer rechts«, so hieß es damals, sagte Rygiel. Was er schilderte, war berührend und klang trotz all der Schrecken jener Zeit nie verbittert. »Ich war ein Kind und wollte einfach bei meiner Mutter bleiben.« Seine ersten Eindrücke des Lagers waren »der Geruch brennenden Fleisches und die verzweifelten Schreie aus der Ferne«, beschrieb der heute 86-Jährige.

Auf teils drastische Art schilderte der ehemalige NS-Gefangene den Alltag der Häftlinge: »Wenn der Wind aus Richtung der vier Öfen wehte, konnte man kaum atmen.« Einmal in 24 Stunden hätten sie einen Liter stinkende Suppe bekommen. »Ich hungerte.« Als die Lagerleitung im Januar 1945 die Räumung des Lagers Auschwitz-Birkenau beschloss, gelangte Rygiel nach Berlin-Grünau. Die NS-Zeit endet nicht mit dem Mord an ihm, hinterlässt aber Wunden, die nicht heilen. »Ich habe meine Kindheit in Auschwitz verloren. Das wird mir immer wieder bewusst.«

Nach den Berichten wurden viele Fragen gestellt. Das Schlusswort hatte dann Boguslaw Rygiel. »Ich wünsche mir, dass die Geschehnisse nicht vergessen werden und ihr, die junge Generation, die Zukunft so gestaltet, dass das niemals wieder passiert«, wendete er sich abschließend an die Schüler. Für die Schüler war das Gespräch laut Lehrer Christian Bauerdorf sehr bewegend.

»Wir haben das Glück, dass es noch Zeitzeugen gibt. Ihre Geschichte zu hören, wird immer kostbarer«, sagte er im Anschluss der Veranstaltung.

Das kann Andrea Schubert, Schulleiterin der Altenstädter Limesschule, nur bestätigen: »Solche Gespräche sind eine große Bereicherung, weil sie authentische und emotionale Eindrücke vermitteln.«

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