10. April 2019, 19:27 Uhr

Höchstens ein Revolutiönchen

10. April 2019, 19:27 Uhr
H.-H. Hoos

. Hans-Helmut Hoos setzte beim Friedberger Geschichtsverein unter dem Titel »Höhepunkte und Ende der Revolution in Friedberg vor 170 Jahren« seine im Vorjahr begonnene Darstellung zur Revolution von 1848/49 fort. »Im Großherzogtum ist kein Plätzchen loyaler als Friedberg«, schrieb eine Frankfurter Zeitung 1848 im Hinblick auf die Bestrebungen zur demokratischen Umwälzung im Deutschen Bund. Auch Großherzog Ludwig III. bestätigte den Friedbergern im Folgejahr, als die Revolution gescheitert war, ihre Loyalität, obwohl sie »neue Hessen« (sie gehörten erst seit 1803 zum Großherzogtum) waren.

Doch auch in Friedberg und der Wetterau gab es revolutionäre Ansätze. Dabei zeigte sich eine Spaltung in der Bürgerschaft, deren Ursache der Referent in der sozialen Frage sah, in den Gegensätzen zwischen Arbeitern und Besitzbürgertum, aber auch in Krawallen gegen Friedberger Juden wegen deren »Wuchergeschäfte«. Einerseits begründete Carl Scriba konkurrierend zum »Intelligenzblatt« das »Wetterauer Volksblatt« als Organ der neu errungenen Freiheiten, und es gründete sich der Deutsche Volksverein mit gleichem Ziel. Andererseits entstand der Freie Bürgerverein, der sich für eine konstitutionelle Monarchie unter Aufrechterhaltung der bestehenden Verhältnisse einsetzte.

Hoos ging besonders auf eine Volksversammlung ein, die am 20. August 1848 mit rund 8000 Teilnehmern auf der Seewiese stattfand. Zur Wahrung der Ordnung wurde dabei die im selben Jahr aufgestellte Bürgerwehr eingesetzt, unterstützt von den Turnern der Friedberger Turngemeinde von 1846. Bei der Volksversammlung ging es um Vorwürfe gegen den Abgeordneten in der Nationalversammlung, Gustav Hofmann, der zu sehr die Reaktion unterstütze. Der Bürgerverein stellte sich weiterhin hinter die Politik des Großherzogs, nur begrenzte Zugeständnisse zu demokratischen Forderungen zu machen.

Bereits Anfang 1849 zeichnete sich das Ende der Revolution ab. Hoos nannte als Zeichen hierfür eine »Katzenmusik« – eine bewusst unharmonische, provozierende Darbietung – vor dem Haus des konservativen Landtagsabgeordneten Philipp Preußer, Eingaben reaktionärer Kräfte in der Stadt an den Großherzog gegen politische Aktivitäten der Seminaristen (Prediger- und Lehrerseminar) und Denunziationen gegenüber Carl Scriba. Dieser hatte zum bewaffneten Widerstand aufgerufen, auch die Turngemeinde trat dafür ein, die in Frankfurt beschlossene Verfassung notfalls mit Waffengewalt zu verteidigen.

Die Revolution brach zusammen, als der preußische König die ihm von der Nationalversammlung angetragene Kaiserkrone ablehnte. Im Juni 1849 wurde Scriba wegen Verdachts des Hochverrats und Pressevergehens verhaftet, später aber freigesprochen. Als die großherzogliche Regierung Volksversammlungen verbot und das Volksblatt sein Erscheinen einstellen musste, war auch in der Wetterau das Ende der revolutionären Bewegung erreicht. In ihrer letzten Ausgabe stellte das Volksblatt resignierend fest: »Die Freiheit des deutschen Volkes war ein schöner Traum.«

Vereine lösen sich wieder auf

Die Regierung in Darmstadt beseitigte alle März-Errungenschaften. Dem Vereinsverbot folgend löste sich der Bürgerverein auf, auch die Turngemeinde beschloss ihre Auflösung. Hoos bewertete die Rolle Friedbergs in den Jahren 1848/49 dahin, dass die Bürger kaum eigene Aktivitäten entfalteten. Mit dem reaktionären Bürgerverein hätten sie eher Sicherheit sowie die Wahrung des eigenen Besitzstandes angestrebt und dafür die errungenen Freiheiten preisgegeben. Zur Frage, ob es in Friedberg zu einer Revolution oder nur zu einem – wie der Chronist Christian Waas formulierte – »tollen Jahr« gekommen sei, meinte Hoos, es seien zwar Zwischenschritte gegangen worden. Von einer revolutionären Änderung der Verhältnisse könne aber nicht gesprochen werden. Reinhard Schartl

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