02. Dezember 2018, 06:05 Uhr

DRK-Helfer Peter Jahn

Historischen Moment in der Prager Botschaft hautnah erlebt

Tagelang schuftet DRK-Helfer Peter Jahn aus Ober-Mörlen im Oktober 1989 in der deutschen Botschaft in Prag. Ohne sich dessen bewusst zu sein, erlebt er einen historischen Moment hautnah mit:
02. Dezember 2018, 06:05 Uhr
Kürzlich ist Peter Jahn für 45 Jahre Mitgliedschaft im DRK ausgezeichnet worden. Seinen interessantester Einsatz als ehrenamtlicher Mitarbeiter des technischen Dienstes hat er in Prag erlebt. Einige Fotos erinnern an aufregende vier Tage. (Fotos: Nici Merz/pv)

Am Montag, dem 2. Oktober 1989, startet Peter Jahn normal in die Arbeitswoche bei der Bad Nauheimer Firma VDO. Er steht an der Werkbank, als er zum Telefon gerufen wird. »Kannst du nach Prag fahren – heute Abend?«, fragt der Bereitschaftsleiter des DRK Ober-Mörlen. Dringend sucht das Rote Kreuz engagierte Mitglieder. Sie sollen DDR-Bürgern helfen, die sich in die BRD-Botschaft geflüchtet haben, um ihre Ausreise in den Westen zu erzwingen. Zwei Tage zuvor hat Außenminister Hans-Dietrich Genscher auf dem Balkon der Botschaft den berühmtesten unvollendeten Satz der Wendezeit gesprochen: »Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise …« Tausende DDR-Flüchtlinge jubeln.

 

Stundenlang gewartet

 

»Als wir in Prag eintrafen, war die Stimmung gelöst. Die Flüchtlinge wussten, dass sie in den Westen können«, erinnert sich Peter Jahn. Er ist am 2. Oktober 1989 mit seinem Auto Richtung CSSR gestartet. Mit dabei sind zwei andere DRK-Mitglieder. Ihr Auftrag: In der Botschaft eine Feldküche betreiben, um Flüchtlinge zu versorgen. Die Tour nach Prag dauert länger als geplant. Die Tschechoslowakei schließt an diesem Abend den Grenzübergang – stundenlang wartet das DRK-Trio auf die Weiterfahrt.

Blechdosen und Kartons stapeln sich vor der Feldküche des DRK: Tausende DDR-Flüchtlinge werden im Oktober 1989 in der Prager Botschaft mit Essen versorgt.
Blechdosen und Kartons stapeln sich vor der Feldküche des DRK: Tausende DDR-Flüchtlinge we...

In der Botschaft bietet sich den Ankömmlingen ein chaotisches Bild. Es ist nass, kalt, der Boden verschlammt. Die DDR-Bürger hausen teilweise in selbst zusammengebauten Verschlägen, weil die Zelte nicht ausreichen. Geschlafen wird auch in Treppenhäusern und Kellerräumen, Sanitäranlagen sind völlig überlastet. »Wir wurden mit der Aufforderung empfangen, sofort loszulegen«, sagt Peter Jahn, der kürzlich für 45-jährige DRK-Mitgliedschaft ausgezeichnet wurde.

Ein Flüchtling hat mir seinen Trabi angeboten, wollte mir den Schlüssel in die Hand drücken

DRK-Helfer Peter Jahn

 

Vier Tage lang kümmert er sich um Reparatur und Wartung der Feldküchenherde, auf denen in großen Mengen einfache Gerichte wie Eintopf zubereitet werden. Angesichts der Kälte sorgt das DRK-Team auch ständig für heiße Getränke. Für die Helfer geht der Einsatz an die Substanz. Erst nach drei Tagen kann Peter Jahn erstmals duschen. Im Gedränge gibt es kaum Platz zum Schlafen. Als er sich schon auf eine erste Nacht in einem Treppenhaus eingerichtet hat, wird doch noch ein Stockbett-Platz frei.

 

Autoschlüssel an Wäscheleinen

 

Die DDR-Bürger – meist jüngere Leute – fiebern der Ausreise in die Bundesrepublik entgegen. »Einer hat mir seinen Trabi angeboten, wollte mir den Schlüssel in die Hand drücken«, schmunzelt der 60-Jährige Ober-Mörlener rückblickend. Rund um das Gelände stehen diese Kleinwagen, die in Prag zurückgelassen werden. Nicht nur von ihren Autos, auch von anderen Symbolen der DDR wollen sich die Flüchtlinge trennen. »Im Torhaus der Botschaft glitzerte der Boden. Überall hatten die Leute DDR-Münzgeld hingeworfen. Von ihren Pässen rissen sie die mit Ähre, Hammer und Sichel versehenen Hüllen ab.« Für Wohnungs- und Autoschlüssel gibt es keine Verwendung mehr, sie werden an Wäscheleinen oder Bäume gehängt.

 

Einzigartiges Erlebnis

 

Nach dem berühmten Satz Genschers kommen immer mehr DDR-Bürger in die Botschaft. »Am Schluss wurde es saumäßig eng. Zum Glück gab es keine ansteckenden Krankheiten oder schwere Verletzungen«, sagt Peter Jahn. Mit einer Ausnahme. Ein US-Touristenpaar hat sich von den Nachrichten anlocken lassen. Der Mann fällt von der hohen Mauer, die das Gelände umgibt, bricht sich ein Bein, wird von deutschen Ärzten behandelt. »Seine Frau war unbeeindruckt, hat weiter alles gefilmt.«

Nach vier Tagen wird das Team von Peter Jahn abgelöst. Die ersten DDR-Flüchtlinge ziehen singend zum Bahnhof, um mit Sonderzügen abzufahren. Kaum ist der Werkzeugmacher nach Ober-Mörlen zurückgekehrt, klingelt erneut das Telefon: Ob er nicht noch mal in Prag helfen könne. Doch diesmal sagt sein Chef Nein zur spontanen Freistellung. Erst Tage später realisiert Peter Jahn, welche politische Wirkung die Vorgänge haben. Das Thema ist ständig in den Medien, in Fernsehsendungen erkennt er DDR-Flüchtlinge aus Prag wieder. »Es war ein einzigartiges Erlebnis, aber die historische Bedeutung wurde mir erst richtig klar, als am 9. November die Mauer fiel.«

Info

Erst Depression, dann Vorfreude

Im Oktober 1989 spitzt sich die Lage in der bundesdeutschen Botschaft in Prag zu. Zuvor sind bereits Tausende DDR-Bürger über die ungarisch-österreichische Grenze in den Westen gelangt. Jetzt steigen täglich immer mehr Flüchtlinge über die meterhohe Mauer der Botschaft, ungehindert von verunsicherten tschechischen Sicherheitskräften. Immer massiver wird die direkte Ausreise in die BRD gefordert. Das Botschaftsgelände verwandelt sich in eine Schlammwüste, in der einige wochenlang ausharren. Die eher depressive Stimmung verwandelt sich in Vorfreude, als Außenminister Genscher das Ergebnis zäher Verhandlungen verkündet: In Sonderzügen dürfen die Flüchtlinge bald den Weg in den Westen antreten. Nach Genschers Auftritt schwillt der Strom auf bis zu 5000 Menschen an. Peter Jahn aus Ober-Mörlen und 200 weitere DRK-Helfer haben in der Prager Botschaft alle Hände voll zu tun. (bk)

 

Schlagworte in diesem Artikel

  • Außenminister
  • Depressionen
  • Eintopf
  • Feldküchen
  • Fernsehsendungen und -Serien
  • Flüchtlinge
  • Hans-Dietrich Genscher
  • Infektionskrankheiten
  • Rotes Kreuz
  • Ober-Mörlen
  • Bernd Klühs
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 1 + 2: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.