07. September 2017, 10:00 Uhr

In Syrien

Hilfe im Namen Bad Nauheims

Vor wenigen Monaten war es noch eine Wunschvorstellung, heute ist es Realität: In der syrischen Provinz Idlib hat der »Medical Point Bad Nauheim« seine Tore geöffnet.
07. September 2017, 10:00 Uhr
Seit Juli werden im syrischen Kriegsgebiet im Namen der Stadt Bad Nauheim Verletzte versorgt und Kinder auf die Welt gebracht. (Fotos: pv)

Medizinische Grundversorgung sichern, das ist das Allerwichtigste, was man für die Menschen vor Ort tun kann, sagt Jonathan Trenk. Seit einigen Monaten koordiniert er die Projekte von »Olivetas« in Syrien. »Brandwunden versorgen und Glassplitter entfernen, das wird in den Medical Points am Häufigsten gemacht«, sagt er. Insgesamt sind es zwei solcher Versorgungsstätten, die der Bad Nauheimer Verein derzeit betreibt. Alleine im »Medical Point Gießen« behandelt ein Team syrischer Fachkräfte seit vier Jahren etwa 1200 Menschen pro Monat.

Da die Patientenzahlen kontinuierlich steigen, war schon länger klar, dass noch mehr Unterstützung benötigt wird. Monatelang hat der Vorstand von »Olivetas« daher nach weiteren Unterstützern gesucht, um die für den Medical Point Bad Nauheim erforderlichen 2000 Euro pro Monat zusammenzubekommen. Mit Erfolg: Im Juli eröffnete der Versorgungspunkt mit der Kurstadt im Namen. »Momentan ist dort alles in noch etwas kleinerem Maßstab gehalten und es sind bislang auch nur zwei Ärzte beschäftigt«, sagt Trenk. Das Essentielle – die medizinische Grundversorgung – kann damit aber schon gewährleistet werden. »Der Medical Point wird sehr bedarfsorientiert genutzt.

Wenn es nötig ist, wird auch mal ein Finger geflickt. Wie in einem kleinen Operationssaal. Dafür ist die Stätte zwar eigentlich nicht ausgelegt, aber wenn es nötig ist, wird es gemacht.« Was immer nötiger, und daher auch immer häufiger geleistet wird: Geburtshilfe. Daher gehört zum Team des Medical Point Bad Nauheim auch eine Hebamme, die alle Hände voll zu tun hat.

Wenn es nötig ist, wird auch mal ein Finger geflickt

Jonathan Trenk

In Syrien herrscht Krieg. Das bedeutet, dass die Umstände, unter denen die medizinischen Fachkräfte in den Versorgungspunkten arbeiten müssen, häufig nur für das Nötigste reichen. Für die Phasen, in denen ein wenig Ruhe einkehrt, hat der Verein aber noch mehr vor, als »nur« die schlimmsten Wunden zu versorgen. So konnten in diesem Jahr im Medical Point Gießen Erste-Hilfe-Kurse und Workshops zu Themen wie Wundversorgung angeboten werden. Auch für den Bad Nauheimer Punkt gibt es solche Pläne: »Sehr gerne würden wir diese Kurse auch im Medical Point Bad Nauheim anbieten, können das aber aktuell finanziell nicht leisten. Die Konzepte stehen allerdings, von daher hängt es nur an der Finanzierung.«

Durchgeführt werden die Kurse, so wie auch die komplette medizinische Versorgung, ausschließlich von Syrern. Das ist einer der Grundsätze des Vereins, erklärt der Vorsitzende, Kerckhoff-Oberarzt Mustafa Janoudi: »So helfen wir nicht nur den Verletzten, sondern auch den Fachkräften vor Ort.«

 Lokalen Bevölkerung wird ausgebildet

Um in die Zukunft der Menschen in Syrien wirken zu können, bietet der Verein außerdem ein Ausbildungsprogramm im Gießener Versorgungspunkt an: »Wir bilden junge Menschen aus der lokalen Bevölkerung zu Krankenpflegern und Apothekenhelfern aus«, erklärt Janoudi. In der Ausbildung werden allerdings zunächst nur die nötigsten Kenntnisse vermittelt, um die dringend notwendige Grundversorgung anbieten zu können. Die Ausbildung dauert daher nur sechs Monate. Einen anerkannten Abschluss gibt es daher zwar zunächst nicht, aber ein Grundstein für die Zukunft ist gelegt, versichert Jonathan Trenk: »Diese Menschen finden anschließend viel schneller eine Arbeitsstelle in den örtlichen Krankenhäusern.«

Damit der Verein »Olivetas« überhaupt Gehalt bezahlen, Medikamente und Versorgung anbieten kann, müssen sich die Mitglieder immer wieder um Unterstützung bemühen. Für den »Medical Point Bad Nauheim« ist so zunächst nur die Absicherung für die ersten sechs Monate gewährleistet. Wie es danach weitergeht, hängt vom Engagement der Wetterauer ab. Das kann ganz unterschiedlich aussehen, sagt Jonathan Trenk: » Eine Möglichkeit sind zum Beispiel Praxispartnerschaften, sodass zum Beispiel ein Bad Nauheimer Arzt in seinem Wartezimmer eine Spendenbox aufstellt.«

Info

Drei Fragen an den Vorsitzenden Dr. Mustafa Janoudi

Sind die »Medical Points« angesichts der Extremsituation in Syrien nicht nur ein Tropfen auf dem heißen Stein?
Mustafa Janoudi: Es ist wichtig, dass wir nie vergessen, dass sich hinter jedem Tropfen ein Mensch verbirgt, der ohne die »Medical Points« keine medizinische Versorgung erhalten hätte. Wir arbeiten mit lokalen Partnern und den selbstorganisierten Verwaltungseinheiten zusammen. Dadurch schaffen wir ein Fundament, auf dem wir in Friedenszeiten aufbauen können.

Welche weiteren Ziele verfolgt »Olivetas« für die Hilfe vor Ort?
Janoudi: Neben der medizinischen Grundversorgung liegen uns in Bezug auf unsere Mitarbeiter vor allem die Gleichberechtigung von Frauen und Männern im Team am Herzen. Durch ein faires und transparentes Gehaltsmodell möchten wir einen Gegenentwurf zur Korruption darstellen.

Was können Wetterauer tun, die helfen möchten?
Janoudi: Nachdem der Syrienkonflikt zu Beginn für viel Aufmerksamkeit und Hilfsbereitschaft gesorgt hat – sowohl für die Geflüchteten in Deutschland als auch für die Bevölkerung vor Ort –, wird es nun immer schwieriger, Unterstützung für unsere Arbeit zu finden. Um den Betrieb der »Medical Points« weiterführen zu können, ist eine kontinuierliche Unterstützung durch Spender essentiell. Das müssen keine großen Beträge sein – jeder Euro trägt zur medizinischen Versorgung der Bevölkerung bei. (vpf)

 

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