21. August 2018, 20:22 Uhr

Heilige Jungfrauen, Heimchen am Herd

21. August 2018, 20:22 Uhr
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Von Gerhard Kollmer
Ursula Stock

Ursula Stock, langjährige Vorsitzende des Volksbildungsvereins, hatte sich nicht gerade wenig vorgenommen: Sie hielt in der Stadtkirche einen aufschlussreichen Vortrag über die vielfältigen Wandlungen des Mutterbildes während der vergangenen 5000 Jahre. Die Verehrung autonomer, lediger Muttergöttinnen wie die babylonische »Ischtar« oder Aphrodite – die vielbrüstige »magna mater« – lässt auf die Existenz matriarchaler Gesellschaften mit entsprechend hoch bewerteter Mutterrolle schließen.

Ammen übernehmen

Mit dem Aufkommen des Patriarchats beginnt die soziale Deklassierung der Frau zur Nur-Mutter für Jahrtausende – selbst in unserem abendländischen Kulturkreis bis ins vorvergangene Jahrhundert hinein. Einen nicht unerheblichen Teil zu dieser Abwertung im öffentlichen Bewusstsein haben die drei monotheistischen Religionen mit ihren patriarchalen Gottesbildern beigetragen. In diesem Zusammenhang verwies die Referentin auf die heilige Jungfrau Maria als Gottesgebärerin. Ihre bis heute dauernde Verehrung im Christentum sei ein ferner Nachklang matriarchalen Denkens.

Durch Menstruation und Geburten werden Frauen angeblich »unrein«, zu Lebewesen zweiter Ordnung. Theologische Belege für diese aus heutiger Warte extrem frauenfeindliche Ideologie sind, wie Stock sagte, zum Beispiel Aussagen des Kirchenvaters Augustinus. Im Mittelalter können Frauen ihrer trostlosen Mutterrolle entfliehen, wenn sie adligen Standes sind, ins Kloster gehen oder als unverheiratete, misstrauisch beäugte »Beginen« in klosterähnlichen Gemeinschaften leben, um sich beispielsweise der Armenfürsorge zu widmen. Mit ihrem dichten, die großen Linien klar herausarbeitenden Vortrag im 19. Jahrhundert angekommen, sprach die Referentin das weit verbreitete Ammenwesen an. Mütter aus der sozialen Oberschicht können es sich leisten, ihren Nachwuchs von Ammen säugen und umsorgen zu lassen. Damit gehen sie auf Distanz zum überkommenen Mutterbild. Dass die Mutterrolle nicht angeboren, sondern anerzogen ist: Diese Einsicht setzte sich – dank des Kampfs der Frauenbewegung für politische und soziale Gleichberechtigung – erst im vergangenen Jahrhundert durch. Wie weit sie im Bewusstsein der Mehrheit wirklich verankert ist, steht dahin.

Ursula Stocks kurzweilige Zeitreise anlässlich der »Friedberger Sommer-Uni« durch die Jahrtausende endete in dankbarem Applaus des Auditoriums. (Foto: gk)



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