Wetterau

Hans Bärs Reise nach Wohnbach: Mal schön, mal traurig

Es war schön, oft traurig, manchmal beides. Eine Weile noch wird Hans Bär wohl an die Reise in seine alte Heimat zurückdenken. Seit wenigen Tagen ist der 95-Jährige wieder in Argentinien.
25. Mai 2018, 11:00 Uhr
Sabrina Dämon
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Hans Bärs Weg nach Hause ist oft zwiespältig. Er trägt sein Leben lang schon schöne und traurige Erinnerungen mit sich. Bei seiner Reise nach Wohnbach vermischen sich diese Gefühle. Eine Begegnung mit einem Bekannten zum Beispiel. Ein schöner Moment, gleichzeitig aber einer voller Trauer. Hinterher sagt Hans Bär, dass er an die vielen Jahre denken musste, die man hätte im Dorf leben können. (Fotos: sk)

Es wird noch dauern, bis die Reise zu Ende ist, sagt Nikolai Sexauer. Auch wenn die vierköpfige Gruppe um den 95-jährigen Hans Bär schon vor einigen Tagen wieder wohlbehalten in Patagonien in Argentinien angekommen ist. »Hans braucht noch Zeit, um die Reise zu verarbeiten«, sagt Nikolai Sexauer, einer der Begleiter. »Ich denke, die ganze Tragik seines Schicksals ist noch mal deutlich geworden: die schöne Kindheit in Wohnbach und gleichzeitig die schlimmen Verbrechen, die geschehen sind.«

 

Rückkehr an den Ort einer glücklichen Kindheit

 

Es war eine schöne Reise – nach über 80 Jahren zurück in die Heimat, in das Dorf, in dem der kleine Hans Bär in den 20ern und 30ern aufgewachsen ist. »Eine sehr schöne Reise sogar. Hans hat bei jeder Gelegenheit betont, dass er überrascht war von der Herzlichkeit und den offenen Armen, mit denen er empfangen wurde.« Dennoch: Schönes und Trauriges lagen bei dieser Reise ganz nah beieinander, vermischten sich. Es war das Zurückkehren an den Ort einer glücklichen Kindheit einerseits, und es war andererseits das Zurückkehren an den Ort, von dem der jüdische Junge mit 14 fliehen musste und an dem seine zurückgebliebene Familie ermordet worden ist.

Ich habe nie vergessen, wie Wohnbach aussieht. Ich habe alle diese Orte immer in meinem Kopf gehabt

Hans Bär

Einmal zum Beispiel, erzählt Nikolai Sexauer, als Hans Bär einen alten Bekannten traf, entstand eine dieser ambivalenten Situationen. Die zwei alten Männer erkannten sich. »Einige Tage später erzählt Hans, dass er in jenem Moment Kurt wiedererkannt hat. In seinen Gesichtszügen hat er den jungen Kurt von damals gesehen. Aus der Zeit, als sie Buben waren, Fußball spielten und mit dem Schlitten den Hang runterfuhren. Hans meinte, dass er in jenem Moment traurig geworden war. Und er sagte, dass er an die vielen Jahre denken musste, die man hätte im Dorf leben können.«

Sein Leben verbrachte Hans Bär an einem anderen Ort, weit entfernt von Wohnbach und in Sicherheit vor den Nazis. Mit 14 verließ er Deutschland, es war das Jahr 1938. Hans Bärs Großeltern, sein Onkel, andere Verwandte wurden ermordet.

In Nikolai Sexauers Bericht von der Reise heißt es dazu: »Als wir vor einem Jahr damit begannen, diese Reise im Kopf durchzuspielen, haben uns manche Experten zu großer Vorsicht geraten und sogar wegen der unkalkulierbaren psychologischen Folgen die Reise infrage gestellt. Nach vielen Überlegungen und Gesprächen haben wir jedoch daran geglaubt, dass diese Reise unterm Strich gut ist. Denn es war Neugierde, die Hans antrieb. Niemals Hass oder Vergeltung. Seine Geschichten, die er immer erzählt, klingen nach einer glücklichen Kindheit in Wohnbach. An diese will er sich zurückerinnern. Und die Reise sollte ein Besuch zu den Orten dieser Geschichten aus seiner Kindheit sein.«

 

Botschaft hinterlassen

 

Das Fazit von Nikolai Sexauer: »Es waren zwei Wochen voller Emotionen und Begegnungen für uns alle. Sehr anstrengend, in Strecken sehr traurig – und sehr schön. Und ich würde fast schon sagen: Es war eine historische Reise. Hans hat etwas abschließen können, was er vermutlich sein Leben lang mit sich getragen hat. Er hat die Orte seiner Kindheit wiedergesehen. ›Ich habe nie vergessen wie Wohnbach aussieht. Ich habe alle diese Orte immer in meinem Kopf gehabt‹, sagte er uns mehrmals. Und mit seiner Reise hat Hans seiner alten Heimat eine Botschaft hinterlassen: Hass hat keine Chance. Er hat gezeigt, wie es ist, anderen Menschen mit offenem Herzen zu begegnen.«

Info

Blog von Enkelin Marlene

Zwei der vier Reisebegleiter, die sich in Argentinien mit Hans Bär in einen Flieger setzten und die Reise nach Deutschland antraten, waren seine Enkelinnen Marlene und Barbara. In einem Blog-Bericht schreibt Marlene Bär-Lamas von ihren Erfahrungen mit ihrem Opa in Deutschland: Jedes Mal, wenn wir ihn fragen, wie er die Reise findet und wie er sich mit allem fühlt, betont er, wie überrascht er von der Freundlichkeit der Menschen ist. Alle haben ihn mit offenen Armen empfangen. »Ich bin doch nur ein alter Mann«, sagt er. So geht es ihm: Es überrascht ihn, dass man so einen einfachen Menschen wie ihn, ohne Ausbildung, ohne irgendetwas Besonderes (für ihn), so gut empfängt und ihm alle zuhören wollen. Jedes Mal, wenn er vor Publikum spricht, mit Journalisten oder mit Schülern, wird er nervös. Jedes Mal fragt er mich hinterher: »War es gut so? Habe ich irgendetwas falsch gesagt?« Ich antworte ihm immer, dass es sehr gut war, dass die Leute ihn einfach kennenlernen wollen und wissen wollen, was er denkt, und dass niemand ihn beurteilt und auch niemand blöd finden wird, was er sagt. Zum Glück war das bisher immer der Fall. (sda)

 

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