25. Oktober 2019, 19:17 Uhr

Haftstrafen nach Gewaltexzess

25. Oktober 2019, 19:17 Uhr

Zu Haftstrafen von 18 bzw. 20 Monaten wurden ein 46-jähriger Roma und sein heute 18-jähriger Sohn vom Landgericht Gießen verurteilt. Sie hatten einen 42-jährigen Büdinger, der in einem Familienstreit der Tochter des 46-Jährigen zu Hilfe geeilt war, brutal zusammengeschlagen. Im Fall des Sohnes entscheidet sich in den nächsten sechs Monaten, ob er die Strafe verbüßen muss oder ob sie zur Bewährung ausgesetzt wird.

Weil die Angeklagten ihrem Opfer wiederholt gedroht hatten, sie würden es »totschlagen«, waren sie zunächst wegen versuchten Totschlags angeklagt worden. Diese Anklage ließ das Gericht jedoch nach der Beweisaufnahme fallen, da den beiden der Tötungsvorsatz nicht nachzuweisen war. Im Übrigen sah das Gericht die Vorwürfe der Anklage von Staatsanwältin Yvonne Vockert im vollen Umfang als erwiesen an. Diese hatte zu Beginn ihres Plädoyers darauf hingewiesen, dass die Tat, obwohl sie in ihrem Beruf mit viel Brutalität konfrontiert sei, sie trotzdem erschüttert habe.

Tritte gegen Opfer am Boden

Die Gewalt habe sich gegen einen Helfer gerichtet, »der alles richtig gemacht« habe. Er sei der Tochter der Familie, die »sich erdreistet hat, mit 16 Jahren einen Freund zu haben« und dafür von ihrem Bruder (»Bei uns ist das so, wir regeln das untereinander«) mit einem Besenstiel verprügelt wurde, zu Hilfe gekommen. Dieser sei seit seiner Kindheit immer wieder durch massive Gewalt aufgefallen und zeige ein »dissoziales Verhalten«. Vockert hob besonders die »Feigheit« von Vater und Sohn hervor, von denen sich mindestens einer mit einem Stein bewaffnet hatte. Selbst als der 42-jährige zu Boden gegangen sei, hätten sie noch auf ihn eingeschlagen und getreten. Nur durch das Eingreifen des Mitarbeiters eines benachbarten Geschäfts sei Schlimmeres verhindert worden. Sie forderte für den Sohn ein Jahr und zehn Monate Jugendstrafe, die wegen der außergewöhnlich ungünstigen Sozialprognose nicht zur Bewährung ausgesetzt werden könne. »Dass dieser Hang zur krassen Aggression völlig unbehandelt ist, das ist hoch gefährlich«, stellte sie mit Blick auf wiederholte Gewaltdelikte des Sohnes fest.

Für den Vater forderte sie ein Jahr und acht Monate Freiheitsstrafe, ebenfalls ohne Bewährung. Angesichts von zehn Vorverurteilungen »hat man schon den Eindruck bekommen, dass er sich nicht an Regeln und Gesetze halten will.«

Rechtsanwalt Werner Hanauske, der den Sohn verteidigte, gab an, der 18-Jährige wolle sich von seinem Elternhaus lösen. Er plädierte darauf, die Jugendstrafe »auch im Interesse von seiner Freundin und seinem Kind« zur Bewährung auszusetzen.

Rechtsanwalt Georg Rosenschon, der den Vater vertrat, wies in seinem Plädoyer auf im Detail unterschiedliche Schilderungen des Tatgeschehens durch die Zeugen hin. Dabei betonte er auch, dass der 42-jährige Helfer den Sohn ins Gesicht geschlagen habe. Auch dies sei eine gefährliche Körperverletzung gewesen. »Natürlich rechtfertigt das nicht die Tat auf dem Parkplatz«, räumte der Anwalt ein. Zwar sei sein Mandant einschlägig vorbestraft, »aber das liegt ein bisschen zurück.« Er sei während einer früheren Bewährungszeit unauffällig geblieben. Diese Chance sollte man ihm noch einmal geben. Er verwies auf die Folgen von Haftstrafen für die Familien des Vaters und des Sohnes. »Sie ziehen diesen Frauen zwei Männer ab, quasi die Oberhäupter.« Das könne zwar auch ein Vorteil für die Entwicklung der Familien sein, bedeute aber auch den Verlust des Einkommens. »Sie fallen dann wieder den Sozialkassen zur Last - wollen Sie das?«

Zahlreiche Auflagen

Das Gericht folgte dennoch im Wesentlichen der Argumentation der Staatsanwaltschaft, blieb lediglich jeweils um zwei Monate unter dem geforderten Strafmaß. Für den Sohn, der zur Tatzeit noch minderjährig war, sprach Richter Andreas Wellenkötter eine sogenannte Vorbewährung aus. Im nächsten halben Jahr muss der inzwischen 18-Jährige sich nicht nur gesetzestreu verhalten. Er muss unter anderem an einem Anti-Gewalt-Training teilnehmen, einen Entschuldigungsbrief an sein Opfer schreiben und seinen Job behalten, damit die Jugendstrafe von 20 Monaten zur Bewährung ausgesprochen wird.

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