24. August 2017, 20:18 Uhr

Habgier schlimmer als Mord

24. August 2017, 20:18 Uhr
Jesus sei in seiner Verurteilung der Habgier sehr klar gewesen, sagt Dekan Volkhard Guth. »Entweder kann man Gott lieben oder das Geld.« Von Luther hingegen könne man das nicht behaupten, sagt Bürgermeister Herbert Unger. Er habe dem Kapitalismus den Weg bereitet.

War Luther ein Wegbereiter des Kapitalismus? Darüber tauschten sich Bürgermeister Herbert Unger und Dekan Volkhard Guth am Sonntag auf der Kanzel aus. Ein komplexes Thema hatten sich der sozialdemokratische Politiker und der evangelische Theologe für ihre Dialogpredigt ausgesucht. Bereits im Religionsunterricht habe er erschöpfende Diskussionen über das Thema Sozialismus und Religion geführt, verriet Unger den vielen Besuchern. Der Bürgermeister, der sich als »bekennender Sozialdemokrat und Christ« beschreibt, sieht Grundwerte wie Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität im christlichen Weltbild verankert.

Das konnte der Theologe Guth bestätigen. Jesus sei in seiner Verurteilung der Habgier sehr klar gewesen. »Entweder kann man Gott lieben oder das Geld.« Durch Habgier würden Menschen davon abgehalten, ihr Leben auf Gott auszurichten. Auch Luther habe zu wirtschaftlichen Fragen Stellung bezogen, und der Tenor seiner Predigten sei alles andere als kapitalismusfreundlich gewesen. Anders als der Genfer Reformator Calvin habe Luther den Reichtum nicht als Zeichen göttlichen Segens interpretiert. Die Hingabe an das Geld sei für ihn eine noch schlimmere Sünde als Diebstahl und Mord gewesen, sagte Guth. Luther habe die Profitmacherei der Fugger verurteilt und die Bereicherungssucht der Fürsten und Könige angeprangert.

Diskussion nicht Papst überlassen

Guths Interpretation von Luthers Wirtschaftsethik mochte Florstadts Bürgermeister nicht so stehen lassen. Luther habe sich auf die Seite der Obrigkeit geschlagen. Der Reformator habe mit seiner Familie nach Wohlstand gestrebt und sich nie gegen den Besitz als solchen ausgesprochen. Schließlich werde dem Protestantismus gar bescheinigt, ein geistiger Geburtshelfer des Kapitalismus gewesen zu sein, meinte Unger. Rastlose Berufsarbeit und Individualismus – beides habe sich aus dem Protestantismus entwickelt.

Der Politiker und der Theologe blieben in ihrer Predigt nicht bei der Einordnung geschichtlicher Ereignisse stehen. Eine entgrenzte Marktwirtschaft habe nicht das Wohl der Menschen, sondern das Wohl des Marktes im Blick, kritisierte Guth. »Was wir erleben, ist die Entmachtung der Politik durch das Geld.« Der Hunger in der Welt, die Umweltzerstörung und die Energiekrise sei eine direkte Folge der Krise des Kapitalismus.

Der Sozialdemokrat Unger stimmte zu. In börsennotierten Unternehmen sei von einer Verantwortung für das Gemeinwohl nicht mehr viel zu erkennen. »Einzig und allein die Gewinnmaximierung prägt in der heutigen Zeit das Denken«, brachte Unger seine Kritik an der Wirtschaft deutlich zum Ausdruck. Damit habe sich der Kapitalismus vollständig von den Grundwerten des christlichen Glaubens entfernt. Hier solle die evangelische Kirche deutlich Stellung beziehen und nicht Papst Franziskus alleine dieses Feld überlassen, forderte der Politiker.

Diese Forderung nahm der Dekan gerne auf. Die Kirchen seien verpflichtet, auf praktische Art für eine bessere Welt zu sorgen. Aus den Lehren von Jesus und Luther könne man Mitgefühl als Prinzip für politisches Handeln ableiten. Es gelte, sich für Schwache einzusetzen und eine Ökonomie zu entwickeln, die solidarisch und kooperativ ist. Der Kapitalismus brauche ein soziales Regulativ, stimmte Unger zu. Eine freie und soziale Marktwirtschaft sei durchaus im Einklang mit christlichen Werten. Dazu gehöre, über Steuern und gerechte Löhne das Gemeinwohl im Blick zu haben. (Fotos: pv/dpa)

Die nächste Dialogpredigt von Dekan Guth, dann mit Bürgermeister Armin Häuser, findet am Sonntag, 17. September in der Evangelischen Kirche Steinfurth statt.

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