14. Dezember 2017, 21:08 Uhr

Haben wir wirklich keinen freien Willen?

14. Dezember 2017, 21:08 Uhr

Sind wir Menschen willenlose Geschöpfe eines Willkürgottes, der bereits vor aller Ewigkeit über unser Wohl und Wehe – theologisch: Unsere Erwählung oder Verwerfung – entschieden hat? Haben wir wirklich keinen freien Willen; sind wir nicht Herren unserer Handlungen? Für uns Heutige, oft nicht mehr religiös Gebundene, wirkt schon die Fragestellung empörend. Sollte diese »Prädestination« (Vorherbestimmung) tatsächlich zur conditio humana gehören: Wie stünde es um die Verantwortlichkeit für unsere Taten? Müsste der alles vorherbestimmende Gott dann nicht auch allein für unsere Sünden, für das Böse in der Welt verantwortlich sein? Wie steht es also um das Verhältnis zwischen Gottes Allmacht und uns Menschen, seinen Geschöpfen?

Tod auf dem Scheiterhaufen

Diese theologische Grundfrage hat – von Kirchenvätern wie Augustinus über Luther bis hin zu Karl Barth – alle bedeutenden Glaubensdenker des Christentums umgetrieben. Unter ihnen auch den 1509 im französischen Noyon geborenen und 1564, am Vorabend der französischen Hugenottenkriege, in Genf gestorbenen Reformator Johannes Calvin. Prof. Heiner Klemme von der Universität Halle/Wittenberg war nach Bad Nauheim gekommen, um Leben und Denken einer der bedeutendsten Gestalten des 16. Jahrhunderts in einem konzisen, gut verständlichen Referat vorzustellen: Johannes Calvin. Anhand zahlreicher Zitate aus Calvins 1536 erschienenem Hauptwerk »Institutio christianae religionis« gelang es Klemme, Licht in das Dunkel der von Calvin besonders strikt postulierten Lehre von der Vorherbestimmung zu bringen.

Augustinus’ Lehre von der Gnadenwahl und Luthers Schrift »De servo arbitrio« von 1523 polemisierten gegen zwei Denker – Pelagius und Erasmus v. Rotterdam, die die These von der prinzipiellen Selbstbestimmtheit des Menschen vertraten. Dasselbe galt für den spanischen Denker Miguel Servet, der dafür 1553 in Genf mit dem Leben zahlte. Die Stadt stand zu dieser Zeit schon stark unter dem Einfluss Calvins, der seit 1541 hier lebte und reformierte. Calvin hätte die Verbrennung Servets als Ketzer verhindern können, hielt dessen Tod auf dem Scheiterhaufen jedoch für eine gerechte Strafe. Prof. Klemme hob hervor, dass Calvins Einfluss in Genf über den kirchlichen Bereich weit hinausging, sodass es legitim sei, von einem sich herausbildenden »theokratischen« Regime in der Stadt zu sprechen. Gleichzeitig verbreitete sich Calvins reformierte Lehre in großen Teilen Frankreichs, den Niederlanden, Schottland und Teilen des Heiligen Römischen Reiches. Wie verhält sich jemand, der unbedingt wissen möchte, ob der ferne Willkürgott es gut oder böse mit ihm meint? Er wird, so die These des Religionssoziologen Max Weber in seiner Schrift »Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus« von 1904, alles tun, um wirtschaftlich erfolgreich zu sein, und dies dann als Zeichen seiner Erwähltheit deuten.

Mit dieser recht pauschalen These glaubte Weber die ökonomische Höherentwicklung calvinistisch geprägter Länder erklären zu können. (Foto: dpa)

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