11. Juni 2018, 18:22 Uhr

Glanzlichter zum 475-Jährigen

11. Juni 2018, 18:22 Uhr
Chorleiterin Gila Goltz hat mit ihren Schülerinnen und Schülern das anspruchsvolle Programm einstudiert. (Foto: gk)

»Diese beiden Abende gehen in die Annalen unserer Schule ein«: Direktor Martin Göbler dankte den mehr als 150 Mitwirkenden aus Schulchor und -orchester sowie dem renommierten Tenor Christian Elsner und dem Komponisten Benjamin Lang für die Gestaltung eines zweistündigen Konzerts der Superlative unter der Gesamtleitung von Volkhard Stahl, bei dem jeder Mitwirkende das Beste gegeben habe.

Als Hommage an seine ehemalige Schule, die in diesem Jahr ihr 475-jähriges Bestehen feiert, komponierte der an der Berliner Musikhochschule lehrende Benjamin Lang ein kurzes, aber um so intensiveres, expressives Werk für Orchester mit dem Titel »heavenly spheres« (himmlische Sphären). Dabei nimmt er Bezug auf das 1543 veröffentlichte, lange unbeachtet bleibende Werk des Domherrn Nikolaus Kopernikus über die Umläufe der Planeten um die Sonne. Mit dieser epochalen Schrift begründet er das heliozentrische Weltbild. Ins selbe Jahr 1543 fällt die Gründung der Augustinerschule – sie zählt zu den ältesten in Hessen.

In der Interpretation von Langs spannungsgeladener Komposition voller harter Kontraste sind die rund 80 jungen Orchestermusiker längst zu voller Form aufgelaufen. Donnernde Paukenschläge künden vom neuen Zeitalter; triumphierende Bläserklänge beschwören den Aufbruch zu neuen Ufern. Das Zeitalter der Moderne wirft seinen Schatten voraus. Welcher Kontrast zu Franz Schuberts wunderbarer Rosamunden-Ouvertüre D 644! Das Orchester unter der Leitung von Michael Ernst besticht durch präzises Zusammenspiel, zeigt sich den Schwierigkeiten des scheinbar so schlicht daherkommenden Werkes voll gewachsen.

Der Schüler Hendrik Gressmann agiert als Solist an der Oboe im 1. Satz des Joseph Haydn zugeschriebenen Oboenkonzerts in C-Dur alles andere als schülerhaft. Die technischen Raffinessen der Vorlage bis hin zur virtuosen Kadenz meistert er lächelnd, scheinbar mühelos.

Zum Weinen schön

Ein weiteres Highlight in der Heilig-Geist-Kirche ist der Auftritt des als Professor für Gesang in Karlsruhe und Würzburg lehrenden Tenors Christian Elsner. Seine Interpretation von Händels berühmten Arien »Lascia ch’io pianga mia cruda sorte« und »Ombra mai fu« aus der Oper »Xerxes«, in der ein lieblicher Platanenbaum besungen wird, füllt das große Kirchenschiff mit Wohlklang, greift ans Herz – zum Weinen schön. Auch in der leichten Muse ist Christian Elsner zu Hause. Das zeigt er in der Darbietung des berühmten Sinatra-Songs »It’s my way«.

Wer glauben mochte, das Orchester habe mit Benjamin Langs »heavenly spheres« bereits einen Gipfelpunkt erreicht, wurde durch die mitreißende Interpretation des Finalsatzes von Tschaikowskis 1888 uraufgeführter 5. Sinfonie in e-Moll eines Besseren belehrt. Andante con fiamma – presto furioso – allegro vivace: Es ist ein wild zerklüftetes Tongebirge voller Abgründe aber auch grandioser Ausblicke, geprägt vom die ganze Symphonie durchziehenden Schicksalsmotiv, das den Hörer in diesem Satz erwartet. Ist seine adäquate Interpretation für Nichtprofis nicht doch eine Nummer zu groß? Die Antwort des Augustinerorchesters lautet: Nein! Ohne die ebenfalls großartige Leistung des etwa 80-köpfigen Schulchores unter seiner charismatischen Leiterin Gila Goltz wären die Abende nicht das geworden, was sie waren: Meilensteine in der Musikgeschichte der Schule. Besonders beeindruckend ist die Interpretation von »Viva la vida!« und des alten irischen Lieds »The parting glass«. In Händels »Alexanderfest« finden sie schließlich zusammen: Chor und Orchester preisen gemeinsam die Hass und Gewalt überwindende Kraft der Liebe und der Musik. Bei der Darbietung des berühmten Gospels »Oh happy day« am Ende dieses tollen Abends scheint selbst das Kirchenschiff in Schwingung zu geraten. Nicht enden wollende Standing Ovations, überglückliche Musiker: Hier feiert eine Schulgemeinde sich selbst, die stolz sein darf auf ihre musikalische Tradition – aus dem Geist von Gustav Mahlers Diktum »Tradition ist die Weitergabe des Feuers, nicht die Anbetung der Asche«.

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