20. Oktober 2017, 20:06 Uhr

Gesungene Gemälde

20. Oktober 2017, 20:06 Uhr

»Erzählte Musik ist wie gemaltes Essen.« Dieser Lebensweisheit seines Vaters Karl ist der Friedberger Musiker Kai Michel bislang treu gefolgt. Was soll man auch groß erzählen, machen wir lieber Musik! Bei seinem neuen Album macht er eine Ausnahme und liefert ein Booklet mit. Und er öffnet den eigenen Horizont für eine weitere Kunstform.

»Auge trifft Ohr« nennt sich ein neues Projekt, das der Multiinstrumentalist Kai Michel zusammen mit dem ebenfalls in Friedberg lebenden Künstler Bülent Uzun konzipiert hat. Dessen abstrakte, farben- und kontrastreiche Bilder treffen auf die Songs von Michel, das Ausstellungskonzept wurde vor wenigen Wochen erstmals im Hof Steinmühle in Schwalheim präsentiert.

»All things in nature« nennt sich das Album zum Projekt, dessen Songs man durchaus als Klanggemälde im Stil von Picasso bezeichnen kann. Zuletzt veröffentlichte Michel das Folk-Album »Roadhome«. Der Nachfolger ist experimenteller, bunter und gewagter. Der Mix aus Rock, Pop, Blues und Jazz wirkt mal wie in Watte eingepackt und höchst zerbrechlich, mal kommt er ruppig und rau daher oder wird durch orientalische Klänge, Hall und Echo gegengebürstet.

Tom Petty, Byrds und Beatles klingen an, es gibt filigrane Gitarren-Patterns, kecke Melodica-Soli, sphärische Klänge, jazzige Schiebermützenmucke und stampfenden Bluesrock mit Michels markanter, nölig-nuschelnder Stimme.

Auch dieses Kai-Michel-Album ist eine Collage, ein Spiel mit musikalischen und textlichen Zitaten. Wie Michel im Booklet erzählt, hat er in »Sing it again« Songzeilen verstorbener Musiker wie Leonard Cohen, David Bowie oder Prince miteinander kombiniert. Im Titelsong des Albums, der komplett »All things in nature are dark« lautet, beschreibt er durch Zitate von Malern wie Leonardo da Vinci oder Michelangelo sein Verständnis von Kunst. In diesem Song findet sich auch der Satz »The night is more alive und more richly colored than the day« – »Die Nacht ist viel lebendiger und farbiger als der Tag«. Ein Zitat von Vincent van Gogh. Das gilt auch für dieses Album, dass trotz mancher Schrullen (Track 4 besteht aus einer verstörend wirkenden Collage von Stimmen aus einem schlecht ausgesteuerten Mittelwellenradio) unbedingt hörenswert ist. »All things in nature« ist natürlich wieder mal nichts für das RadioFFHReinsbisvierundzurück-Publikum. Das ist keine Tanzschuppen- oder Abiparty-Musik, das ist eine experimentell, artifiziell und immer wieder mit- und hinreißende Mucke, die man nicht alle Tage hört. Und die man sogar betrachten kann.

Infos zum Musik- und Malereiprojekt gibt’s auf der Internet-Seite www.augetrifftohr.de, das Album ist zum Preis von 12 Euro erhältlich über die Internet-Seite breadmaker.bandcamp.com.

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