24. Oktober 2018, 19:12 Uhr

Geschehen entsteht nur im Kopf

24. Oktober 2018, 19:12 Uhr
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Von Gerhard Kollmer
Andreas Konrad – in klassisch-japanischer Weise auf einem Sitzkissen kniend – erzählt und spielt das »Rakugo« und erweckt ganz alleine das Geschehen und mehrere Figuren zum Leben. (Foto: gk)

So fern und doch so nah. »Rakugo«: Nur wenige hierzulande dürften vom etwa 300 Jahre alten japanischen Erzähltheater schon einmal gehört haben. Gut 50 Zuschauer waren ins Theater Alte Feuerwache (TAF) gekommen, um Andreas Konrad vom Darmstädter »Lakritz-Theater« zu sehen und vor allem zu hören. Sie dürfen sich seit Samstagabend zu diesem kleinen Kreis zählen. »Ich könnte eine ganze Armee von Außerirdischen im Sitzen spielen. Das Geschehen spielt sich im Kopf des Zuhörers ab.« Diese Bemerkung Andreas Konrad im Publikumsgespräch nach Ende seiner einstündigen Vorführung klang vollmundig, wurde aber durch seinen faszinierenden Auftritt voll eingelöst.

Kein (Märchen-)Erzähler stand hier an der Rampe, und niemand spielte auf der Bühne. Nein: Konrad – in klassisch-japanischer Weise auf einem Sitzkissen kniend – erzählte, spielte zugleich und demonstrierte damit eindrucksvoll, was unter dem Begriff »Erzähltheater« zu verstehen ist. Mit allen Mitteln von Mimik, Gestik, Bewegung, Stimmvariation und dem Gebrauch eines Fächers als einzigem Requisit ließ der Künstler gleich mehrere Figuren zu prallem Leben erstehen.

In einer Zeit, als die Frauen noch Kimonos und die Männer Schwerter und Zöpfe trugen, erfahren sieben Freunde, was es mit dem verwunschenen »Tellerhaus« in der Stadt Ise auf sich hat. Vor langer Zeit war hier die Magd O-Kiku von ihrem Herrn, der sie für den Diebstahl von neun kostbaren Tellern verantwortlich macht, in einem Anfall von Jähzorn erschlagen und in einen tiefen Brunnen geworfen worden. Seitdem spukt der Geist des unschuldigen Mädchens am Brunnen herum. Jeder, der es dorthin gewagt hatte, zahlte diese Mutprobe mit dem Leben.

Mit schlotternden Knien

Auch die sieben zu allem bereiten Freunde wollen es wissen. Einer spielt dem anderen Entschlossenheit und Mut vor. Aber auf dem nächtlichen Weg nach Ise zerbröselt diese Fassade immer mehr. Jeder sucht eine andere Ausrede, um sich zurückzuziehen. Es ist köstlich zu erleben, wie Andreas Konrad diese Szene Gestalt werden lässt. Fernöstliche Exotik weicht nun Altvertrautem, Fernes rückt nah: Was vorgeführt wird, könnte sich ebenso gut vor Ort abspielen.

Die Spukgeschichte löst sich am Ende gleichsam in Luft auf: Der von den Sieben mit schlotternden Knien beschworene Geist der armen Magd erscheint nämlich schon bei der Zahl Sieben. Warum, weshalb? Das soll hier nicht verraten werden. In dem nach lang anhaltendem Applaus beginnenden Publikumsgespräch wartete Andreas Konrad mit vielen interessanten Informationen auf – unter anderem zu den verschiedenen Varianten des »Rakugo«-Erzähltheaters.



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