Wetterau

Gerold Reitz: Meister der Verkehrszahlen

Er hat Massenkarambolagen gesehen, Geisterfahrer und tödliche Unfälle. Gerold Reitz leitet die Autobahnpolizei Mittelhessen. Der 59-Jährige erzählt, welche Erlebnisse ihn nachhaltig bewegt haben.
06. August 2018, 05:00 Uhr
Laura Kaufmann
Gerold Reitz leitet seit fast sieben Jahren die Autobahnpolizeistation in Butzbach. Der 59-Jährige gilt polizeiintern als Meister der Zahlen.

Sie sind Leiter der Autobahnpolizeistation Mittelhessen. Lohnt sich ein Wettrennen mit Ihnen?

Gerold Reitz: Wir haben spezielle, schnelle Autos, die bis zu 250 Stundenkilometer fahren können. Natürlich testet man die mal, wenn man auf dem Weg zu einer Besprechung ist. Aber ich rase nicht, bin ein eher zurückhaltender Fahrer. Denn ich weiß viel zu genau, was alles passieren kann.

Sie gelten als Meister der Zahlen. Haben Sie einige für uns parat?

Reitz : Vergangenes Jahr haben wir im Bereich der Dienststelle 5450 Abstands- und 66 000 Geschwindigkeitsverstöße gemessen. Der Anteil der Laster am Verkehrsaufkommen liegt bei etwa 13 Prozent, an 40 Prozent der Unfälle sind Lkw beteiligt und zu 75 Prozent sind sie Unfallverursacher. Zuletzt hatten wir auf unseren Strecken zwischen 2500 und 3200 Unfälle pro Jahr. Die Anzahl der Toten und Schwerverletzten nimmt ab, 2017 gab es nur einen tödlichen Unfall. Das hatten wir noch nie. 2018 sind wir leider schon bei sieben Toten.

Was sind die Hauptursachen für Unfälle auf der Autobahn?

Reitz: Überhöhte Geschwindigkeit, zu geringer Abstand und Fehler beim Überholen. Und zwar in dieser Reihenfolge. Diese Ursachen führen zu über 80 Prozent aller Unglücke, bei denen Menschen verletzt werden.

Die A 5 ist zu Stoßzeiten oft dicht. Prognosen gehen davon aus, dass der Verkehr noch zunehmen wird. Macht Ihnen das Sorgen?

Reitz: Die Verkehrsbelastung hat tatsächlich stark zugenommen, gerade in Bezug auf Lkw. Die Kapazitäten sind aber nicht größer geworden. Die Lösung des Problems kann nur Ausbau sein. Es ist geplant, die A 45 – die mit zwei Spuren hochfrequentiert ist – in weiten Bereichen auf drei Spuren zu erweitern. Ein anderes Mittel, um Kapazitäten zu schaffen, ist die Freigabe der Standspur. Das wird auf der A 5 ab Höhe der Ausfahrt Friedberg gemacht. Es wird noch ein Bereich dazukommen, ebenfalls auf der A 5 ab dem Gambacher Kreuz.

Kommen Sie und Ihre Mannschaft überhaupt noch hinterher?

Reitz: Im Vergleich zu vor 20 Jahren haben wir mehr Arbeit, aber weniger Leute. Das Tagesgeschäft können wir trotzdem gut leisten und sind auch in der Lage, zusätzlich anfallende Arbeiten, zum Beispiel Verkehrsüberwachung, zu erledigen. Allerdings muss das alles entsprechend organisiert sein.

Was läuft gut?

Reitz: Wir haben ein Störfallkonzept, das sehr gut funktioniert. Wir wissen bei Unfällen und Pannen direkt, was wir tun können, um den Verkehrsfluss wieder herzustellen. Wir leisten gute Arbeit bei der Aufnahme von Unfällen – davon profitieren in erster Linie Bürger, die den Unfall nicht verursacht haben. Wir haben gute Aufklärungsquoten bei der Kriminalitätsbekämpfung. Und auch bei den Unfallfluchten. Da lagen wir von 120 Dienststellen in Hessen 2017 auf dem ersten Platz.

Was läuft schlecht?

Reitz: Es gibt immer mal Einzelfälle, wo etwas nicht funktioniert, etwa eine Sperrung nicht schnell genug aufgehoben wurde. Wir bereiten jeden dieser Fälle nach: intern mit Kollegen oder extern mit anderen beteiligten Organisationen, etwa der Feuerwehr. Wir schauen dann, wo wir ansetzen können, um es künftig besser zu machen.

Wo besteht Ihrer Meinung nach dringender Handlungsbedarf?

Reitz: Es gibt ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts. Es hatte vor einigen Jahren entschieden, dass es keine Rechtsgrundlage für eine dauerhafte Videoüberwachung gibt. Für uns heißt das: Wir können nicht mehr wie früher eine Kamera laufenlassen, sondern müssen anlassbezogen jeden einzelnen Fall aufnehmen. Da muss die Politik dringend in die Pötte kommen und – sofern sie das denn will – eine Rechtsgrundlage für die Polizei schaffen. Das habe ich Herrn Veith (Anm. d. Red.: Oswin Veith ist CDU-Bundestagsabgeordneter für den Wetteraukreis) bei seinem letzten Besuch auch mitgeteilt. Außerdem müssten mehr Stellplätze für Lkw geschaffen werden.

Was war das tragischste Ereignis, das sich auf der Autobahn im Wetterauer Bereich zugetragen hat?

Reitz: Tragisch ist immer, wenn Kinder verletzt oder getötet werden. Ich erinnere mich an einen Fall, wo eine junge Frau auf der A 5 bei Friedberg bei einem Unfall ums Leben kam. Sie saß am Steuer. Mit im Auto waren ihre Eltern. Ich habe später mit ihrem Vater gesprochen, er machte sich große Vorwürfe, dass er nicht gefahren ist. Das spektakulärste Ereignis war sicherlich der Massenunfall am 12. März 2013 auf der A 45 bei Wölfersheim. Die Unfallstelle war über 400 Meter lang, es waren 116 Fahrzeuge beteiligt, es gab 15 Schwer- und 59 Leichtverletzte und einen Sachschaden von über 2 Millionen Euro.

Böse Buben jagen und dazu noch ein schnelles Auto fahren – neben Feuerwehrmann ist Autobahnpolizist wohl der beliebteste Beruf von Kindern. Spiegelt sich das in Bewerberzahlen?

Reitz: Das kann man nicht sagen. Es gibt manche, die haben Vorbehalte, denn der Beruf ist speziell. Er ist verkehrslastig und nicht ungefährlich.

Wie steht es um die Frauenquote bei der Autobahnpolizei Mittelhessen?

Reitz: Hier arbeiten 95 Menschen, davon sind 17 Frauen.

Auf den LED-Anzeigetafeln stehen für den Otto-Normalfahrer manchmal wenig nachvollziehbare Tempolimits. Warum?

Reitz: Das ist Sache von Hessen Mobil. Bei der Verkehrszentrale in Rödelheim laufen die Informationen zusammen. Vieles passiert automatisch. Der Computer erkennt, wie hoch das Verkehrsaufkommen ist und regelt dann die Geschwindigkeit entsprechend. Wir können aber Einfluss nehmen. Wenn wir an einer Unfallstelle stehen und merken, der Verkehr fließt zu schnell, rufen wir bei Hessen Mobil an und bitten darum, dass auf den Schilderbrücken beispielsweise eine Spur gesperrt wird.

Info

Zur Person

Gerold Reitz ist 59 Jahre alt. Nach seiner Grundausbildung bei der Polizei war er zunächst in Frankfurt im Einsatz. 1986 wechselte er zur Autobahnpolizei nach Butzbach, bevor er nach Wiesbaden ging, um zu studieren. 1990 kam er als Dienstgruppenleiter zurück zur Autobahnpolizei. Später ging Reitz nach Gießen, wo er die Verkehrsinspektion leitete. »2011 wurde ich gefragt, ob ich die Dienststelle in Butzbach übernehmen möchte, da musste ich nicht lange überlegen«, sagt Reitz. Er ist in Gießen geboren und in Butzbach aufgewachsen, lebt auch heute noch dort. Reitz ist verheiratet, hat zwei erwachsene Töchter und zwei Enkelinnen. (lk)

 

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