20. März 2018, 08:00 Uhr

Landratswahl in der Wetterau

Geringe Wahlbeteiligung: Ein Wahlsieg mit Makel

In 22 von 25 Wetterauer Städten und Gemeinden holte Jan Weckler (CDU) bei der Landratswahl die Mehrheit der Stimmen. Das kommt nicht von ungefähr, genauso wie die niedrige Wahlbeteiligung.
20. März 2018, 08:00 Uhr
Applaus für den neuen Landrat: Jan Weckler (2. v. r.) wird am Wahlabend im Plenarsaal des Friedberger Kreishauses von Parteifreunden gefeiert. (Fotos: Nici Merz)

In seinem Heimatort Ober-Mörlen fuhr Jan Weckler einen ungefährdeten Sieg ein: 73,1 Prozent der Stimmen holte der 46-jährige CDU-Politiker, die SPD-Kandidatin Stephanie Becker-Bösch kam nur auf 26,9 Prozent. In Rockenberg holte Weckler sogar 73,2 Prozent, in drei weiteren Kommunen kam er über 60 Prozent: Wöllstadt, Bad Nauheim und Gedern (siehe Kasten).

Blickt man aufs andere Ende der Skala, fallen die drei Wahlsiege der SPD-Kandidatin nicht ganz so hoch aus: In Limeshain stimmten 56,3 Prozent der Wähler für Becker-Bösch, in Florstadt waren es 54,4 und in Wölfersheim 51,3 Prozent. Doch die Abstände sind in den beiden letztgenannten SPD-Hochburgen tatsächlich gering: In Florstadt bekam Becker-Bösch 165 Stimmen mehr als Weckler (bei 7128 Wahlberechtigten), in Wölfersheim beträgt der Abstand 67 Stimmen.

 

Vorsprung von 7128 Stimmen

Kreisweit beträgt der Abstand von Weckler zu Becker-Bösch 7128 Stimmen, bei 237 498 Wahlberechtigten ist das kein wirklich großer Unterschied. Weckler konnte 30 509 Wähler von sich überzeugen, das sind knapp 13 Prozent der Wahlberechtigten.

Die Wahlbeteiligung war erschrecken niedrig. Die 23,1 Prozent vom Sonntag dürften ein neuer Minusrekord sein, der die Sinnhaftigkeit der Landrats-Direktwahl in Frage stellt. Nicht einmal ein Viertel aller Wahlberechtigten hat seine Stimme abgegeben.

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Es hat nicht sollen sein: Stephanie Becker-Bösch stellt sich den Reportern.

»Was ist denn das für eine Legitimation?« fragte ein Beobachter am Sonntagabend im Plenarsaal des Kreishauses. Andere meinte, die Leute hätten sich einfach nicht für diese Wahl interessiert. »Der Landrat ist weit weg von den Bürgern.« Bei Bürgermeistern, die ebenfalls direkt vom Volk gewählt werden, sei das anders. Auch bei den Grünen, die sich stets für mehr Bürgerbeteiligung stark machen, kam man ins Grübeln. »Man sollte die Bürger fragen, ob sie die Landrats-Direktwahl noch wollen«, meinte der Fraktionsvorsitzende Michael Rückl. Eine hessenweite Volksbefragung wäre dazu nötig.

 

Jubel und Nachdenklichkeit

Die SPD hat in der Vergangenheit oft von Direktwahlen profitiert, ob im Kreis mit zuletzt Rolf Gnadl und Joachim Arnold oder bei Bürgermeisterwahlen. Vor zwei Wochen gingen alle fünf Rathäuser an die Sozialdemokraten. Sollte man die Direktwahlen wieder abschaffen? Oder nur diejenige für den Landratsposten? Am Wahlabend herrschte bei der SPD, die sich in den Räumen der Sozialdezernentin Becker-Bösch traf, nachdenkliche Zurückhaltung. Zur gleichen Zeit drangen aus den Zimmern des bis dahin noch kommissarischen Landrats Jan Weckler Gläserklingen und lautstarker Jubel. Die Christdemokraten feierten ausgelassen ihren Erfolg, den der Kreistagsabgeordnete Michael Hahn mit Weitblick und Witz auf T-Shirts hatte drucken lassen: »Wir sind Landrat!«

 

CDU im Wahlkampf präsenter

Der stolz zur Schau getragene Slogan und die Tatsache, dass die SPD am Wahlabend personell eher schwach vertreten war, brachten das Selbstverständnis der beiden großen Parteien auf den Punkt: Die CDU präsentierte sich im Wahlkampf ideenreich, offensiv und mit vielen Helfern, die selbst bei eisigen Temperaturen ihr Waffeleisen in den Fußgängerzonen aufbauten und stets guten Zulauf hatten. Bei der SPD hatte man hier und da das Gefühl, dass sich einige Mitglieder lieber mit Parteiprogrammen und theoretischen Diskussionen beschäftigen, als am Wahlstand Präsenz zu zeigen.

Im kommenden Landtagswahlkampf soll sich das ändern, hieß es aus der SPD. Im Wahlkreis Nord tritt mit dem Wölfersheimer Karl-Otto Waas ein Arbeiter an, der gerne in Zimmermannskluft auftritt, die alten Ideale der SPD verkörpere, die Sprache der einfachen Bürger spreche und als DGB-Kreisvorsitzender für die Rechte der Arbeitnehmer eintrete. Waas (54) tritt gegen Landtagspräsident Norbert Kartmann (CDU, 69) an. »Die SPD ist nicht weg vom Fenster. Wir greifen wieder an«, sagte ein Sozialdemokrat.

Info

Hochburgen und Minusrekorde

Hochburgen von Jan Weckler (CDU, in Klammern die Prozentzahlen der SPD-Kandidatin Stephanie Becker-Bösch): Rockenberg: 73,2 (26,8); Ober-Mörlen: 73,1 (26,9); Wöllstadt: 64,7 (35,3); Bad Nauheim: 62,5 (37,5); Niddatal: 59,7 (40,3); Friedberg: 59,5 (40,5); Reichelsheim: 58,8 (41,3); Rosbach: 58,7 (41,3); Karben: 58,1 (41,9); Bad Vilbel: 55,7 (44,3); Büdingen: 54,6 (45,4); Altenstadt: 53,2 (46,8); Butzbach: 53,1 (46,9); Echzell: 50,4 (49,6).

Hochburgen von Stephanie Becker-Bösch (in Klammer die Werte von Jan Weckler): Limeshain: 56,3 Prozent (43,7); Florstadt: 54,6 (45,6); Wölfersheim: 51,3 (48,7). Wahlbeteiligungen Die höchsten Werte kommen aus Ober-Mörlen (36,1 Prozent Wahlbeteiligung), Reichelsheim (34,8) und Wölfersheim (33,6).

Weitaus häufiger sind Wahlbeteiligungen unter oder knapp über 20 Prozent: Rosbach v. d. H.: 19 Prozent; Büdingen: 19,3 Prozent; Bad Nauheim: 20 Prozent; Altenstadt: 20,5 Prozent; Bad Vilbel: 21,7 Prozent; Karben: 22 Prozent; Friedberg: 22 Prozent.

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