26. März 2019, 18:56 Uhr

Gegen den Egoismus

26. März 2019, 18:56 Uhr
Henning Schmidtke zeigt sich in Berstadt gesellschaftskritisch. (Foto: Storck)

In seinem Jubiläumsjahr hatte der 175 Jahre alte Gesangverein Eintracht für Samstag den aus Fersehen und Radio bekannten Kabarettisten Henning Schmidtke eingeladen. Der 1970 im niedersächsische Nordheim geborene Künstler ist nicht nur Kabarettist, sondern auch Musiker sowie Autor für Kollegen wie Hennes Bender oder Ausbilder Schmidt. In der Berstädter Mehrzweckhalle präsentierte sein Programm »Egoland«.

Schmidtke bezeichnet sich darin selbst als »letzten Kabarettisten« und sieht sich in einer Reihe bekannter Kabarettisten vergangener Jahrzehnte. Er spannte auch den Bogen in die heutige Zeit. Zwischen den Redebeiträgen wechselte er während der gut zwei Stunden auf der Bühne immer wieder ans Klavier. In Kombination mit seiner ausdrucksvollen Mimik, die alle Phasen des menschlichen Seins vor Augen führte, fesselte er das Publikum: Schmidtke fand die richtige Mischung aus Belehrung seiner Mitmenschen und der Philosophie über unsere aktuelle Zeit. Seine Rolle als Weltverbesserer, geschnürt in ein großes Paket Ironie, zog sich wie ein roter Faden durch den Abend.

Seine erste Zeitkritik bezog sich auf Musik: Den Sound der 70er habe man beispielsweise bei Ilja Richter am Fernsehen noch gemeinsam erlebt. Heute erlebe man sie »mit Klöppel im Ohr«, ohne jeglichen Bezug zum direkten Umfeld. Schmidtke folgerte mit speziellem Hinweis auf die irische Pub-Kultur, gemeinsames Singen reiße Mauern ein und verbindet die Menschen. Diese Aussage wirkte natürlich beim Jubilar Gesangverein Berstadt doppelt und dreifach.

Seine Kritik an der heutigen »Ellenbogengesellschaft« machte er im Spruch fest: »Je schwarzer der Frack, desto reicher der Sack«. Auch verschiedene Verbraucherketten wurden kritisiert, da sie den Egotrend mit ihren günstigen Produkten befeuerten, ohne auf deren Produktion und Qualität zu achten. Das gerade günstig erworbene Produkt erweise sich bald als erster Anwärter zur Vergrößerung der Müllberge.

Im zweiten Teil ging der Kabarettist auf den Menschen selbst ein. Der Deutsche erweise sich beispielsweise bei Kreuzfahrten wie in die Karibik, wo man laut Werbung jeden Tag woanders aufwacht, doch als »der Deutsche schlechthin«. Er untermauerte diese These mit dem obligatorischen Handtuch auf den Liegestühlen: »Das ist unverkennbar deutsch – sowohl an der Nord- und Ostsee als auch an fremden Küsten und auf den Kreuzfahrtschiffen«. Dass sich das Deutschlandbild auch zum Positiven ändern könne, zeigte Schmidtke anhand des deutsch-französischen Verhältnisses auf. War in Frankreich »boche« (gesprochen: bosch) einst ein Schimpfwort für Deutsche, so sähen dies heute auch die Franzosen als guten Waschmaschinenhersteller an.

Von Puppen und Ellenbogen

Seine Rolle in der Gesellschaft werde dem Menschen früh vermittelt. Dass Mädchen bei der Einschulung Jungen sprachlich voraus seien, sah Schmidtke in den frühen Geschenken begründet. Die Mädchen erhielten Puppen, mit denen sie sprechen, während die Jungen sich bei ihren Autos nur mit »Brumm«-Lauten artikulierten.

Die heutige Wissenschaft erlaube dem Menschen ein längeres Leben. Um dabei in vorderster Front zu sein, werde der Ellenbogen benutzt. Dabei würden einige vergessen, dass sie alleine nichts bewirken können. Schmidtke rechnete vor, sogar bei einer Schlägerei müsse man mindestens zu zweit sein. Er appellierte, den Kontakt mit anderen Menschen zu suchen und zu pflegen. Sein Fazit: »Schluss mit Egoland. Wenn man Gutes tut, tut es gut.«

Schlagworte in diesem Artikel

  • Ausbilder
  • Ellenbogen
  • Gesang
  • Gesangsvereine
  • Hörfunk
  • Ilja Richter
  • Kabarettistinnen und Kabarettisten
  • Kreuzfahrtschiffe
  • Mehrzweckhallen
  • Musiker
  • Puppen
  • Wölfersheim-Berstadt
  • Ottwin Storck
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 5 + 1: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.