09. März 2019, 18:00 Uhr

Nach 18 Jahren

Gefängnisseelsorger geht in den Ruhestand

Hinter hohen Mauern mit Stacheldraht war 18 Jahre der Arbeitsplatz von Pfarrer Dr. Tobias Müller-Monning. Jetzt ist er in den Ruhestand verabschiedet worden.
09. März 2019, 18:00 Uhr
Pfarrer Dr. Tobias Müller-Monning ist nun im Ruhestand. Pfarrerin Barbara Zöller (l.) und Pfarrerin Julia Held übernehmen die Gefängnisseelsorge an der JVA Butzbach.

Jeden Tag musste Pfarrer Dr. Tobias Müller-Monning morgens die Sicherheitsschleuse passieren und zahlreiche Türen auf- und wieder zuschließen, um an seinen Wirkungsort zu gelangen. Als Gefängnisseelsorger bei der Justizvollzugsanstalt Butzbach war er ansprechbar für Inhaftierte und Mitarbeiter im Strafvollzug. Nun ist der evangelische Pfarrer in den Ruhestand verabschiedet worden. Pfarrerin Julia Held und Pfarrerin Barbara Zöller übernehmen künftig mit je einem halben Dienstauftrag die Seelsorge.

»Tobias Müller-Monning war eine Institution in der Gefängnisseelsorge«, sagte der Leiter des Zentrums Seelsorge und Beratung, Oberkirchenrat Christoph Schuster, bei der Verabschiedung. Als Pfarrer, Kriminologe und promovierter Sozialwissenschaftler war Müller-Monning viele Jahre Vorsitzender der Evangelischen Konferenz für Gefängnisseelsorge in Hessen. Als ein Verfasser des Grundsatzpapiers »Zur Zukunft des Gefängnissystems« hat er die Debatte um einen zeitgemäßen Strafvollzug maßgeblich beeinflusst.

Selbst in Haft gewesen

Nach seinem Theologiestudium in Marburg kam er in einem Spezialpraktikum in Rockenberg erstmals mit dem Gefängnissystem in Berührung. Von 1985 bis 1990 war er mit seiner Familie im bürgerkriegsgeplagten zentralamerikanischen Land El Salvador in der Pfarrerausbildung tätig. Dort wurde er selbst kurzzeitig inhaftiert – eine prägende Erfahrung für den Pfarrer. An kaum einem anderen Ort würden biblische Begriffe wie Schuld, Sühne, Strafe und Vergebung so erfahrbar wie im Gefängnis, sagt er.

Gemeinsam mit anderen Gefängnisseelsorgern regte Müller-Monning an, den Strafvollzug neu zu denken. Ein Leben in Haft bedeute für Gefangene einen Verlust der Selbstbestimmung. Wann jemand aufstehe, was er anziehe, wann er mit anderen reden dürfe – all das werde vorgegeben. Inhaftierte litten unter einem Verlust der Lebensperspektive, unter Ohnmacht und Hilflosigkeit. Die Strafe des »Täters« wirke sich zudem als Strafe auf ein ganzes Familiensystem aus.

Mit dem Glauben, dass drinnen die Bösen und draußen die Guten seien, mache es sich die Gesellschaft zu leicht, kritisieren die Seelsorger in dem Grundsatzpapier. Gefängnis bestrafe, aber es mache nichts besser, weder im Leben der Opfer noch in dem der Täter. Alternativ gelte es neue Wege einer Aussöhnung zwischen Opfer und Täter zu finden. Kritik am Gefängnissystem zu üben und dabei selbst Teil dessen zu sein, sei das Spannungsfeld, in dem sich die Gefängnisseelsorge bewege.

»Worte können Macht haben«, sagte Pfarrer Müller-Monning in seiner Abschiedspredigt. Das Wort eines Richters führe ins Gefängnis und auch wieder heraus. Wer ein Verbrechen begehe, werde mit dem Entzug der Freiheit bestraft. Auf der anderen Seite verspreche Gottes Wort Vergebung der Schuld für alle Menschen. Für Müller-Monning ist jeder Gefangene ein Individuum mit einer einmaligen Lebens- und häufig auch Leidensgeschichte.

Für K., der in Butzbach seit zwölf Jahren eine lebenslängliche Haftstrafe verbüßt, war der Seelsorger über Jahre hinweg ein verlässlicher Begleiter. »Er hat uns zuerst als Menschen und nicht als Täter gesehen«, sagte er. »Du warst ein Licht in diesem Knast, gabst uns die Hoffnung, nahmst uns die Last«, sang ein Chor von Gefangenen zum Abschied. »MüMo«, wie sie ihren Seelsorger liebevoll nannten, möge auch im Ruhestand für sie beten.

Der Leiter der Justizvollzugsanstalt, Uwe Röhrig, zeigte sich erfreut, dass sich künftig mit Barbara Zöller und Julia Held zwei erfahrene Pfarrerinnen die Stelle in der JVA Butzbach teilen. Zöller kümmert sich als Angehörigenseelsorgerin bereits seit 16 Jahren um die Familien der Inhaftierten, Held versieht seit 2017 mit einer Viertelstelle ihren Dienst als Gefängnisseelsorgerin bei der JVA Butzbach, mit einer weiteren halben Stelle arbeitet sie als Gehörlosenseelsorgerin im Evangelischen Dekanat Wetterau.

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