08. Februar 2019, 20:08 Uhr

Geburtsort der Moderne

08. Februar 2019, 20:08 Uhr
Florenz zieht viele Touristen an. Das sieht man auch auf dem Piazza della Signoria. Warum sich gerade Florenz »Geburtsort der Moderne« nennen darf, erklärt Dr. Mathias Eigelsheimer an Beispielen aus Kunst und Literatur. (Fotos: gk/dpa)

Gibt es völlig Neues, gibt es einen echten Anfang? Dr. Mathias Eigelsheimer verneinte die selbst gestellte Frage zu Beginn seines höchst informativen, 75-minütigen Vortrags bei »Kultur auf der Spur« am Montagabend im Bibliothekszentrum Klosterbau. Auch die italienische Renaissance bedeute – entgegen dem vor allem von Jacob Burckhardt geprägten Bild – mit ihrem Rückgriff auf die klassische Antike keinen totalen Bruch mit dem christlichen (Spät-)Mittelalter.

Alles Neue ist, so Dr. Eigelsheimer, produktive, eigenständige »Fortschreibung« des Vorhergehenden – evolutionär, nicht revolutionär. Bereits das 12. Jahrhundert ist ein so deutlicher Bruch mit der Vergangenheit, dass viele Mediävisten von einer »Renaissance des 12. Jahrhunderts« sprechen.

Als ein Beispiel für seine These vom evolutionären Wandel nannte der Referent die Entstehung des Individualismus beziehungsweise die Höherbewertung des Einzelmenschen gegenüber der klassischen Antike. Bereits im Hochmittelalter setze diese für das Verständnis der Neuzeit entscheidende Entwicklung ein, erklärte Eigelsheimer. Auch das neue Bild der Renaissance von Zeit bzw. Geschichte stelle »nur« eine Säkularisierung der mittelalterlichen Vorstellung dar (Geschichte als linear verlaufende Heilsgeschichte).

Dass und warum sich gerade Florenz »Geburtsort der Moderne« nennen darf, zeigte Dr. Eigelsheimer an Beispielen aus Kunst und Literatur bzw. Philosophie auf. So sei die von Donatello (der viele Jahre in Florenz verbrachte) geschaffene Figur des (biblischen) David die erste Freiplastik der europäischen Kunstgeschichte. Sie ist heute im Skulpturenmuseum »Bargello« zu bewundern. Die von Brunellesci erbaute Kuppel des Doms sei kein Ausdruck des Strebens zum Göttlichen (wie die hochmittelalterlichen gotischen Kathedralen), sondern habe rein säkularen, funktionalen Charakter. Bereits in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts habe der Frühhumanist Coluccio Salutati als Kanzler von Florenz das Wohl der Stadt zum obersten Maßstab des politischen Handelns erhoben. Die Hauptvertreter der vom Stadtherrn und Förderer der Wissenschaften, Lorenzo »il magnifico«, um die Mitte des 15. Jahrhunderts ins Leben gerufenen »platonischen Akademie« verstanden den Menschen – im Unterschied zum antiken Platonismus – als von Natur aus mit freiem Willen ausgestattet. Dieser sei, so Pico della Mirandola in seiner berühmten Schrift »Über die Würde des Menschen«, im Unterschied zum Tier nicht instinktgebunden, was einerseits Ausdruck natürlicher Schwäche, aber zum andern vor allem Zeichen seiner Fähigkeit zur Selbstbestimmung sei.

»Imitatio – inventio – ingenium« – Nachahmung, Erfindungsgeist, Vernunft: Diese Dreiheit kann, so Dr. Eigelsheimer am Ende seines faszinierenden Referats vor zahlreichem Publikum, als eine Art Motto der Renaissancebewegung dienen. Wenn Nachahmung des Alten, Sinn für Neues und schöpferische Betätigung der Vernunft gleichrangig nebeneinanderstehen, ist ein Optimum erreicht.

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